bibliothekar.de

Bibliothekarische Auskunft (2008)

Nach der Lektüre des ‚Ulysses‘ von James Joyce sowie zweier Erzählungen von Artur Schnitzler wollte ich mich auch einmal an einem inneren Monolog versuchen. Die dabei entstandene Erzählung kann durchaus als Widerlegung der von Kolleginnen oft wiederholten Behauptung gelesen werden, Männer seien nicht multitaskingfähig.

Wann werde ich denn endlich abgelöst. O je, erst halb. Halbe Stunde noch. Die Zeit geht auch nicht rum. Ganz schön viele Leute hier heute. Aber keiner fragt was. Die glauben halt, alles zu wissen. Kataloge, Datenbanken, irgendwie ist das alles doch wie Google. Denken die. Und wenn sie nichts finden, ist es wieder die Scheißbiblio­thek. Die meisten suchen auch gar nichts. Kommen nur in die Bibliothek … Bibo sagen die. Sind wir hier denn in der Sesamstraße? Kinder noch. Die kommen nur her, um ihre E-Mails abzurufen. Hallo, wer ist denn das? Das ist aber eine Süße! Studiert bestimmt Kuwi. Oder BWL. Auf keinen Fall Sozpäd. Die sehen doch alle aus wie Waldschrate. Dreadlocks und Selbstgestricktes. Die aber nicht. Hab‘ ich hier noch nie gesehen. Ist bis jetzt wohl ohne Bücher ausgekommen. Dann BWL. Hallo junge Frau, kann ich vielleicht helfen? Frag‘ mich, Süße, ich kenn‘ mich hier aus, ich weiß, wo’s lang geht … Nee; so nicht. Das klingt nur peinlich. Und schon ist sie vorbei. Will auch nichts wissen. Na gut, dann eben nicht. Vielleicht kann ich sie bei meinem Rundgang … wann muss ich den eigentlich machen? Hat noch Zeit. Vielleicht lass‘ ich ihn auch mal ausfallen. Die Kolleginnen machen nie einen. Sind zu faul. Nee, konfliktscheu. Könnten jemand mit ner Thermoskanne voller Kaffee erwischen. Oder beim Telefonieren. Kann man aber auch verstehen. Manche werden dann richtig unangenehm. Vor allem BWLer. Halten sich schon für was weiß ich, ne große Nummer. Üben an uns Chefsein oder sowas. Da kommt … o Mann, die sieht ja aus wie ein Monster! Erinnert mich an „Wo die wilden Kerle wohnen“. Wie oft ich das wohl vorgelesen habe? Zehnmal. Nein, öfter. Tina wollte es immer wieder hören. Nun kommt die Monster-Frau auch noch zu mir. Hoffentlich riecht sie nicht so, wie sie aussieht. Na gut. Was will sie wissen? Redet und redet und redet. Bis die end­lich zur Sache kommt! Hä? Weihnachten und Liebe? Was soll denn das werden? Ein Referat, so? Wirtschaftspsychologie? Hab‘ ich mir doch gleich gedacht: alte FH. Im Katalog hat sie wohl noch nicht nachgesehen. Da hätte sie aber wirklich selbst drauf kommen können. Doch? Nur nichts gefunden? Kein Wunder. Wir sind eine wissenschaftliche Bibliothek, keine … soll sie doch … Wer ist das denn? Kann ich jetzt nur noch von hinten sehen. Schlank und blond. Mist! Ob sie auch hübsch ist? Manchmal kriegt man ja einen Schock. Von hinten ne tolle Figur, und von vorn… dass es einem graust. Hätt‘ das Mädel gern von vorn gesehen. Aber dieses Monster steht da breit und bräsig vor mir und nimmt mir die Sicht. Ich seh gar nicht, wer rein kommt. Wieso sie ein wenig beiseite treten soll? Na, die stellt Fragen. Damit ich die Tür im Auge behalten kann, ist doch klar. Jetzt guck nicht so belämmert. Rück‘ einfach ein Stück nach links. Sonst entwischt mir noch so ein Blondchen. Danke ergebenst. So, im Katalog nichts gefunden. Schon im GVK nachgesehen? Was das ist? Ach ja, für die ist das ja die Fernleihe. Auch schon? Nur Weihnachtsgeschich­ten und so’n Kram. Na also was erwartet die denn bei dem Thema? Zum Ende noch wissenschaftliche Literatur. Dass ich nicht lache. Die wollen jetzt auch mächtig wissenschaftlich sein. Heißen nun ja auch Uni. Gehören halt dazu. Aber FH bleibt doch FH. Und wie werd‘ ich dies Monster wieder los? Datenbanken! Das ist es. Da muss sie an die PCs da hinten, und ich hab‘ meine Ruhe. Welche Datenbanken? Was weiß ich, vielleicht theologische, wegen Weihnachten. Ist doch was Christliches, oder nicht?. Wie, ob’s auch psychologische gibt? Klar gibt’s die, aber … Ach, da geht die Süße von vorhin schon wieder. Hätte wohl doch einen Rundgang machen sollen. Stattdessen plage ich mich hier mit … Was ist denn das für’n Kerl da bei ihr? So’n richtiger Spacken. Wie sie den anhimmelt! Und jetzt lachen die auch noch laut. He, ihr zwei da, könnt ihr mal bisschen leiser sein? Das hier ist eine Bibliothek, nicht die Pausenhalle. Mann, Mann, Mann. Wo sind wir denn hier? Na klar gibt’s psycho­logische Datenbanken. Aber darin nach Weihnachten … Liebe ja, das wohl schon, aber doch nicht Weihnachten. Wo? Da hinten an den PCs. Wo oben der Ausweis … sie hat doch wohl einen … Was für’n Ausweis? Den Bibliotheksausweis natürlich. Oder läuft das an der FH noch unter Büchereikarte? Ach, da ist ja diese blöde Zicke von neulich wieder. Die hat mir gerade noch gefehlt. Kommt auf mich zu gebrettert wie eine Fregatte im Kampfeinsatz. Studiert auf Lehramt. Die armen Kinder können einem jetzt schon leid tun. Die kriegt doch nichts gebacken. Moment! Also wirklich. Sieht die denn nicht, dass ich in einem Beratungsgespräch bin. Sie muss sich ja wohl gedulden, bis sie … Wie? Kurze Frage? Was heißt: nur kurze Frage? Wo die Schulbuchsammlung steht? Na, oben, bei der Fachdidaktik. Wie sie dahin kommt? Das ist aber schon die zweite kurze Frage. Ich bin überhaupt nicht unfreundlich. Erst vordrängeln und dann auch rummeckern. Zicke! Nein, ich hab‘ nicht … doch, ich weiß noch… also: Die Datenbanken, da hinten über die PCs, hab‘ ich doch schon gesagt. Psychologische? Würd‘ ich wirklich nicht … Was? Hat die Dozentin gesagt? Woher will die das denn wissen? Ich halte schließlich auch keine Psycholo­gie-Vorlesungen. Na wenn sie darauf besteht …Oh, die beiden gefallen mir aber. Dunkler Teint. Steh‘ ich voll drauf. Diese Mädels aus dem Orient haben was Sinn­liches. Denk ich immer gleich an Tausendundeine Nacht. Nicht ans Märchenerzäh­len … Aber Vorsicht! Finger weg. Echt gefährlich. Die haben alle Brüder mit Mes­sern. Von wegen Familienehre und so’n Quatsch … Nein, ich kann Ihnen bei den Datenbanken nicht helfen! Erst nicht zu unseren Einführungen kommen und dann ein Privatissimum haben wollen. So weit kommt’s noch. Tut mir leid, das geht jetzt nicht. Jetzt wirklich nicht! Ich muss einen Rundgang machen, hätt‘ ich längst ma­chen müssen. Woher will die denn wissen, was wichtiger ist? Die Welt dreht sich doch nicht um sie. Tut aber so. Nein, der ist keineswegs unwichtig. Wegen so Typen, die im Lesesaal telefonieren oder Kaffee trinken. Oder Mädels belästigen. Na ja, sie sicher nicht. Die hat doch keine Ahnung, was im Lesesaal alles los ist, während ich hier meine Zeit mit ihr verplempere. Oh, da kommt ja meine Ablösung. An die werd‘ ich das Monster nun los. Gott sei Dank! Entschuldigung, da kommt gerade meine Kollegin, die wird sie weiter beraten. Ich muss weg, ich hab‘ gleich einen wichtigen Termin. Arme Kollegin, tut mir irgendwie leid. Ich geh‘ dann mal.