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Bibliotheksmarketing (2001)

Die Vorweihnachtszeit unterschied sich in der Bibliothek nicht wesentlich von anderen Zeiten des Jahres. Alles geht seinen gewohnten Gang. Die Benutzer gehen den Leuten von der Bibliothek und diese wiederum den Benutzern auf die Nerven – wie immer. Bücher werden ausgeliehen und zurückgegeben, Mahnungen ausgestellt und bezahlt, und die meisten Studentinnen und Studenten kommen ohnehin nur, um die Internet-Zugänge zu nutzen. Vereinzelt wünscht man sich zwar schon ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr, meist aber doch eher wechselseitig zum Teufel – wie immer eben.

Doch das sollte nun ganz anders werden. Bereits im Oktober ließ Bibliotheksdirektor Dr. Gabrilowitsch in einer Dienstbesprechung bedeutungsschwer das Wort Marketing fallen. „Mar-ke-ting“, betonte er Silbe für Silbe, „an Marketing führt kein Weg mehr vorbei“. Er umriss in wenigen Worten, dass moderne, für alles Neue offene, ja, aufgeschlossene Bibliotheken – „Dabei denke ich selbstverständlich vor allem auch an unser Haus!“ – sich besser nach außen darstellen müssen, um ein positives Bild von sich zu vermitteln. „Und“, fuhr er nach einer kurzen Pause fort, in der er sich vergewissert hatte, dass auch alle zustimmend genickt hatten, „was wäre besser geeignet, damit anzufangen, als das bevorstehende Weihnachtsfest. Warum, frage ich Sie, wird bald in allen Kaufhäusern, in allen Supermärkten festlich dekoriert sein? Warum, sagen Sie es mir, wird dort Weihnachtsmusik ertönen?“ Die Antwort gab er gleich selbst: „Um Kunden anzusprechen, um ihnen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Genau das werden wir in unserer Bibliothek auch tun. Die Benutzer sollen das Gefühl haben, quasi zuhause zu sein“. „Und woran, äh, haben Sie gedacht?“, ließ sich das schüchterne Stimmchen von Bibliotheksrat Dr. Fallada vernehmen. „Schön, dass gerade Sie das fragen, werter Kollege“, ließ sich der Direktor vernehmen, „Sie wollte ich nämlich beauftragen, vielleicht zusammen mit zwei, drei weiteren Kollegen ein Konzept zu erarbeiten und dann Vorschläge zu machen. Stellen wir uns den Forderungen dieser Zeit“.

Sobald das Protokoll der Dienstbesprechung vorlag, wurde dann Anfang November die Arbeit an einem Marketingkonzept aufgenommen. Vorher war niemand zu einer Mitarbeit bereit; doch als das Protokoll das Gebot des Direktors in alle Bereiche der Bibliothek getragen hatte, konnte Dr. Fallada zwei Mitstreiter gewinnen. Sie begannen damit, in einem Rundschreiben alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um Vorschläge zu bitten. Während der Wochen, in denen dieser Umlauf unterwegs war, wurde bei anderen Bibliotheken abgefragt, ob dort Vergleichbares geplant oder sogar schon durchgeführt worden sei. Leider erbrachten weder das interne Rundschreiben noch die externen Anfragen irgendein verwertbares Ergebnis. Lediglich ein anonymer Witzbold hatte vorgeschlagen, Kolleginnen nur mit Lametta und Christbaumkugeln bekleidet in der Eingangshalle der Bibliothek von der Decke herabhängen zu lassen. Dr. Fallada ging in Gedanken alle Bibliothekarinnen durch und verwarf dann diesen Vorschlag. Danach gab es bedauerlicherweise eine Grippewelle, der alle drei Mitglieder der Arbeitsgruppe nacheinander zum Opfer fielen.

Nach den Weihnachtsferien nahm die Arbeitsgruppe erneut ihre Arbeit auf. Der Bibliotheksdirektor hatte sie in seiner Ansprache zum Jahreswechsel nicht nur erwähnt, was allein schon als großes Lob zu werten war, sondern auch ihre Notwendigkeit noch einmal deutlich gemacht. „Wir müssen uns positiv darstellen, meine Herren. Sie wissen doch: Mar-ke-ting! Also bleiben Sie dran!“ waren seine freundlichen Worte. Und tatsächlich hatten Dr. Fallada und seine Kollegen in nur wenigen Wochen eine Liste von Vorschlägen erarbeitet, um sie Dr. Gabrilowitsch vorzulegen. Der befand sich gerade auf einer längeren Dienstreise. Bei seiner Rückkehr waren weitere Papiere auf seinem Schreibtisch abgelegt worden, so dass es eine Weile dauerte, bis er die Vorschläge zu Gesicht bekam. Er vermerkte einige Änderungswünsche, die vor allem die Auswahl der Weihnachtslieder betrafen, aber auch sprachliche Korrekturen – so wollte er das Wort „Christbaum“ gegen das Wort „Weihnachtsbaum“ ausgetauscht haben – und schickte sie an Dr. Fallada zurück, der sofort seine Arbeitsgruppe zusammenrief, die die vermerkten Wünsche in ein paar Tagen in das Konzept einarbeitete. Dann wurden die Vorschläge dem Direktor erneut vorgelegt und schließlich Mitte Februar von ihm genehmigt.

Es bereitete erheblich mehr Schwierigkeiten, als erwartet worden war, zu dieser Jahreszeit einen großen Tannenbaum für die Eingangshalle der Bibliothek zu bekommen. Schon die Kommunikation mit den Forstämtern gestaltete sich schwierig; mehr als einmal waren Telefongespräche abrupt beendet worden, sobald die Frage formuliert war. Letztlich war es nur über Beziehungen möglich – eine frühere Kollegin hatte vor vielen Jahren einen Förster geheiratet, zum Glück gab es einen älteren Kollegen, der sich an sie erinnern konnte und auch bereit war, sie anzurufen. Zu Beginn des Sommersemesters schließlich lieferte ein Transporter der Forstverwaltung einen fünf Meter hohen Tannenbaum in der Bibliothek ab, der sofort aufgestellt und geschmückt wurde. Jeden Morgen um neun Uhr, nachdem die Bibliothek aufgeschlossen worden war, wenn also die ersten Benutzer kamen, versammelte Dr. Fallada die Belegschaft an dem großen geschmückten Baum in der Halle, um die von Dr. Gabrilowitsch genehmigten Lieder zu singen. Es erklangen die alten Weisen vom Tannenbaum, vom Kling-Glöckchen und vom Schneeflöckchen, während die bereits wärmende Aprilsonne durchs Glasdach hereinschien. Die Bibliotheksleitung war zunächst sehr zufrieden mit dieser Aktion, zauberte sie doch jeder Besucherin und jedem Besucher ein Lächeln ins Gesicht, ließ sie mitunter sogar auflachen, kaum dass sie die Bibliothek betreten hatten. Bedauerlicherweise wurde der Gesang von Tag zu Tag dünner. Immer weniger Kolleginnen und Kollegen erschienen zu diesem morgendlichen Singen. Selbst Dr. Gabrilowitschs Feststellung, die er per E-Mail an alle schickte, dass es sich dabei um Dienst handelte, ein Erscheinen also Pflicht wäre, vermochte das nicht zu ändern. Wellen von Übelkeit zogen nun durch die Bibliothek, Epidemien von Kopfschmerzen suchten sie heim. Als dann eines Tages der Bibliotheksdirektor mit Dr. Fallada und dessen beiden Mitstreitern tatsächlich allein neben dem Weihnachtsbaum standen, verschlug es auch ihnen die Stimme. Das Weihnachtssingen wurde sofort abgesagt. Der Baum blieb noch zwei weitere Wochen stehen und wurde schließlich Mitte Mai abgebaut.

Tief war die Enttäuschung der Bibliotheksleitung. Eine wunderbare Idee war vergeben, eine großartige Gelegenheit war vertan worden. „Es ist bedauerlich“, stellte Dr. Gabrilowitsch auf der nächsten Dienstbesprechung fest, „dass unsere Mitarbeiter die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben. Anders ist nicht zu erklären, dass unsere hervorragend geplante Aktion von den eigenen Leuten sabotiert worden ist“. Er dankte Dr. Fallada und den beiden Mitgliedern der Arbeitsgruppe für ihre geleistete gute Arbeit –„Sie hätten weiß Gott eine andere Würdigung verdient gehabt!“ – und versprach, sich trotz der erwiesenen Unreife des Bibliothekspersonals weiter für eine bessere Außendarstellung der Bibliothek einzusetzen. Ostern drängte sich als nächste Gelegenheit geradezu auf.