bibliothekar.de

Das Fest der Liebe (2005)

 

Wieder ging ein Jahr seinem Ende entgegen. Das Wetter wurde schlecht, graue Wolken hingen über dem Land und den Gemütern, es nieselte, kalt-feuchte Luft drang in Häuser, Kleider und Herzen. Gegen die zunehmende Dunkelheit feuerte man vergeblich mit niedlichen Lichtlein an. Und als wären das der Qualen nicht genug, verkleisterte überall – wo immer man ging oder stand – ein Dauerreigen aus Alle-Jahre-wieder-O-Tannenbaum-Kling-Glöckchen-kling-leise-rieselt-der-Schnee-es-ist-ein-Ros‘-entsprungen die Ohren, dass es schmerzte. Melancholie grassierte, Depressionen suchten die Menschen heim; sie bekamen feuchte Augen und flüchteten in Sentimentalitäten. Das machte auch vor der Bibliothek nicht halt, vor diesen Mauern, an denen sonst das Leben so leicht abprallte. Wahrhaft absonderliche Verhaltensweisen wurden beobachtet. Die Katalogisierinnen bastelten Sterne teils aus Stroh, teils aus Goldpapier, in der Fernleihe schrieb man Grußkarten, und in der Frühstückspause traktierte man sich gegenseitig mit Dominosteinen, Printen und Lebkuchenherzen. Es war Vorweihnachtszeit.

Es begab sich zu dieser Zeit, dass ein Bibliothekar an der Information gestört wurde. Er war gerade dabei, einen Einkaufszettel zu schreiben, damit er über die Feiertage nicht würde darben müssen. Rotwein hatte er bereits notiert, ebenso Schweinebraten, Krustenbraten, um genau zu sein, und während er darüber grübelte, für welche Beilagen er sich entscheiden sollte, Klöße vielleicht, nein, besser nicht, Klöße würden seine Kinder nicht essen, Rosenkohl leider auch nicht … Während er sich solchen Überlegungen hingab, wurde er darin von einer Studentin unterbrochen: „Darf ich Sie kurz stören?“. Unwillig, ja, missgelaunt hob er seinen Blick. Doch sofort hellte sich sein Gesicht auf. Vor ihm stand eine junge Frau, so zart und blond, so jung und hübsch, dass er es kaum fassen konnte – ein Weihnachtsengelchen, wie ihm sofort in den Sinn kam. Er vergaß Schweinebraten, Klöße und Rosenkohl. Das Licht wurde wärmer, die Glocken klangen süßer. In dulci jubilo! Weiß Gott, wie er in seinem Inneren jubelte. „O du schönster aller Engel, was kann ich für dich tun?“, dachte er bei sich. Der Bibliothekar setzte sein verbindlichstes Lächeln auf und versicherte, dass sie keineswegs störte.

„Entschuldigen Sie bitte, ich suche eine Erklärung, eine Definition von Weihnachten“. Nein, das war nicht einfach mit einem Wink hinüber zu den Regalen mit den Lexika getan. Gleich drehte er den Bildschirm seines Computers zu der Studentin hin, gerade so weit, dass sie sich ein wenig zu ihm herüber beugen musste, und fragte, wofür sie diese Erklärung denn brauchte. „Ah, für ein Referat, für sie Einleitung … nun gut“ – und wie ein Virtuose griff er in die Tastatur. Google wurde befragt, Seiten wurden aufgerufen, und die eine oder andere davon druckte er sogar aus und überreichte sie wie ein kleines Geschenk. Rasch, zu rasch war ihre Frage beantwortet. Alles, was sie über Weihnachten für die Einleitung des Referats wissen musste, hatte er ermittelt, mehr sogar noch, viel mehr: keine Unklarheit bestand noch über Herkunft des Festes, über Datierungen, über heidnische Relikte, über nationale Unterschiede – eine Dissertation fast hätte sie nun schreiben können. So groß war sein Bedürfnis zu geben. Denn der Bibliothekar mochte die junge Frau noch nicht gehen lassen. Was immer an Definitionen gefunden worden war, seine eigene hatte er längst ausgemacht: Weihnachten, das Fest der Liebe! Also wollte er noch mit ihr an das Regal mit den Lexika gehen. „Komm mit mir“, flötete sein Herz; „Informationen aus dem Internet sollte man nicht immer trauen, besser, wir werfen noch einen Blick in den Brockhaus“, lockte sein Mund.Wir! Er erhob sich, ihr vorauszugehen, sie in die traute Enge zwischen den Regalen zu führen, wollte sie dahin bringen, wo er zuhause war, sie auf sein Terrain entführen – da – da betrat ein junger Mann die Bibliothek. Der schaute sich kurz um, erblickte die Studentin, trat von hinten an sie heran und legte seinen Arm um ihre Schultern. Er gab ihr einen Kuss. Und sie wehrte sich nicht! Nein, sie küsste sogar zurück! „Da bist du ja“, sagte er. „Kommst du mit in die Mensa?“ Sie bedankte sich bei dem Bibliothekar, versicherte zugleich, dass die ihr überlassenen Informationen völlig ausreichten, schließlich brauchte sie sie nur für die Einleitung des Referates. Nein, noch in Lexika nachzuschlagen, das hielte sie wirklich nicht mehr für nötig. Und sie wünschte ihm „Schöne Feiertage“, schenkte ihm ein leises Lächeln, dann verließ sie Arm in Arm mit dem jungen Mann die Bibliothek.

Zurück blieb der Bibliothekar. Ganz verdattert saß er hinter seinem Schreibtisch, als hätte er gerade eine Begegnung mit außerirdischen Wesen überstanden. „Tja“, dachte er bei sich,“das mit Weihnachten und dem Fest der Liebe ist wohl auch nur so eine Redensart“. Dann wandte er sich wieder dem Einkaufszettel zu. „Wenn keine Klöße, was dann? Salzkartoffeln? Das finde ich aber langweilig. Warum essen die verdammten Blagen nur keine Klöße?“ Und es ward wieder Vorweihnachtszeit.