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Das Lächeln des Engels (2000)

Der Bibliothekar verließ den Auskunftsplatz, diesen geschützten Raum, wie er ihn oft empfand, hinter der hohen Barriere, um in den Lesesälen nach dem Rechten zu sehen. Er machte diese Rundgänge sehr gewissenhaft, wenn auch keineswegs gern. Im Grunde träumte er von offenen Bibliotheken, in denen verantwortungsvolle Menschen rücksichtsvoll miteinander umgehen und deshalb keiner Aufsicht bedürfen. An diese Utopie hatte er früher geglaubt, doch bitter erfahren, daß sie für lange Zeit noch ein Traum bleiben würde. Bibliotheksbenutzer, vor allem Studenten, waren noch nicht so weit, sie hatten weder Achtung vor Büchern, die ihnen nicht gehörten, noch vor Menschen, die darin arbeiten mußten. Laut waren sie und zerstörerisch, sie bedurften einer gewissen Strenge, die ihnen Eltern und Lehrer offensichtlich vorenthalten hatten. Also verließ er wieder einmal seinen Platz, um durch die Lesesäle zu laufen – wie immer mit der festen Absicht, Verstöße gegen die Benutzungsordnung freundlich, aber bestimmt zu ahnden, vor allem aber mit der stillen, schon oft enttäuschten Hoffnung, diesmal keine Thermoskannen mit Kaffee oder Tee, keine Schokoriegel und vor allem keine Handys zu entdecken, auch keine schwatzenden Studentinnen anzutreffen, sondern nur still herumzugehen, vielleicht etwas gefragt zu werden, um dann helfen zu können.

Der Bibliothekar war erst wenige Schritte gegangen, als ihm eine Veränderung des Lichtes auffiel. Das kalte weiße Strahlen der Leuchten wechselte, so schien es ihm, in ein angenehmes Licht, das ihn wohltuend umfloß, das ihn umhüllte wie ein weicher warmer goldener Mantel. Geräusche drangen nur noch gedämpft zu ihm durch. Jenes Schwätzen am Katalog, das seine Schritte in diese Richtung gelenkt hatte, war nur noch als leises Murmeln zu vernehmen, wie von sehr weit her, ein sanftes Säuseln fast … nein, das war nicht das störende Reden, das er hatte unterbinden wollen, das war ein Raunen wie aus einer anderen Welt, das waren sphärische Klänge, wie er sie noch nie zuvor vernommen hatte. Er bemerkte nun, daß das ihn umhüllende warme Licht von oben auf ihn herabgeflossen kam, und zugleich war ihm, als höbe dieses Licht ihn empor. Es gab keine Decke mehr, der Beton hatte sich samt Armierung aufgelöst, darüber war der Himmel aufgebrochen, und in einem Strahl goldenen Lichtes schwebte er empor. Ein blondes Engelchen blickte ihn an. Dieses erinnerte ihn an eine Studentin, die ihm schon oft bei seinen Rundgängen ein Lächeln geschenkt hatte. Es streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff die Hand, und das blonde Engelchen zog ihn immer weiter hinauf.
„Aber …“.
Doch das Engelchen lächelte nur.
„Aber ich muss …“.
Doch weiter schwebten sie hinauf.
“ Aber ich muss doch …“.
Seine Einwände versickerten in den grauen Wolkenschleiern um ihn herum. Das Licht hatte sich ein weiteres Mal verändert, es war in ein mattes Silber gewechselt. Plötzlich bemerkte der Bibliothekar, daß er wieder allein war. Das blonde Engelchen war verschwunden, er hatte nicht einmal bemerkt, wann es ihn verlassen hatte. Er fühlte sich einsam. Unsicher versuchte sein Blick, die grauen Schleier um ihn herum zu durchdringen, doch vermochte er nichts zu erkennen. Er lauschte in die Schleier hinein, doch ihn umgab eine dumpfe Stille. Wie sehnte er sich auf einmal nach schwatzenden Studentinnen. Ach, wenn doch wenigstens irgendwo ein Handy klingelte! Aber alles blieb still, bis endlich in diese Stille hinein eine dröhnende Stimme sprach: „Sei mir willkommen, mein Sohn!“
Aus den Schleiern trat in rotem Mantel, mit weißem Bart, ein goldenes Buch unter dem Arm, der Weihnachtsmann.

Der Bibliothekar in seiner Verlegenheit wußte nichts Besseres zu sagen als: „Und ich dachte, Dich gibt es gar nicht … Dich? … oder soll ich Sie sagen?“ Der Weihnachtsmann ignorierte diese Worte. Er zog eine Brille aus der Manteltasche, setzte sie auf und schlug sein goldenes Buch auf, blätterte darin, suchte offensichtlich etwas, das er schließlich fand. Er blickte den Bibliothekar über den oberen Rand seiner Brille an.
„Na, was lese ich denn hier? Du bist wohl einer von den ganz Eifrigen?“
Beflissen nickte der Bibliothekar. Auf der Stirn des Weihnachtsmannes bildete sich eine steile Falte.“Gefällt mir gar nicht, ganz und gar nicht!“, fuhr er fort. „Warum hast Du neulich so überkorrekt reagiert, als der Bursche mit den Pickeln ausnahmsweise ein Buch etwas früher mitnehmen wollte? Mochtest Du ihn nicht?“
Der Kopf des Bibliothekars leuchtete rot vor den matt silbergrauen Nebelschleiern. Zum Glück erwartete der Weihnachtsmann keine Antwort. „Und als Dir die Studentin auf die Nerven gegangen war – findest Du es in Ordnung, daß Du daraufhin alle von ihr entliehenen Bücher vorbestellt hast?“ Das Rot ging in ein tiefes Dunkelrot über. Doch dann geschah etwas Merkwürdiges. Das blonde Engelchen kam zurück. Es nahm ihn an der Hand und zog ihn mit sich. Der Weihnachtsmann samt Bart und Buch und Mantel verschwand hinter ihnen in den Wolkenschleiern. Das Licht veränderte sich wieder, wurde golden und warm. Das Engelchen ließ seine Hand los, der Bibliothekar glaubte, hinab zu stürzen. Dann spürte er Boden unter sich.

Als der Bibliothekar die Augen aufschlug, lag er nur wenige Schritte vom Auskunftsplatz entfernt. Um ihn herum standen Leute, neben ihm aber kniete die blonde Studentin. Sie bemerkte, daß er wieder zu sich gekommen war. „Sie waren wohl ohnmächtig“, sagte sie zu ihm und blickte ihn besorgt an. Sie sah hinreißend aus. Schon wollte er sie fragen, ob sie an den Feiertagen etwas vor hätte. Da lächelte sie wieder. Und der Bibliothekar brachte kein Wort heraus.