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Der Berufene (2002)

Seine Körpergröße war oft schon Gegenstand kollegialer Diskussionen gewesen, wobei das Wort Größe in diesem Zusammenhang als blanker Euphemismus zu werten ist. Wohlwollende Schätzungen lagen bei knapp 170 cm, weniger wohlwollende, also fast alle, deutlich darunter. Leider war es nicht möglich, Herrn Dr. Alexander Groß selbst in diese Diskussionen einzubeziehen. Einmal schon hatte er das Ansinnen nachzumessen – auf der ersten Weihnachtsfeier nach seinem Eintritt in die Bibliothek in Feierlaune vorgebracht – entrüstet zurückgewiesen. Woraufhin sich die Vermutung rasch verbreitete, dass er mit einer Schätzung von 170 cm schon mehr als zufrieden sei. Auch wurde Dr. Alexander Groß seitdem in fast allen kollegialen Tuscheleien in Anspielung auf Namen, Körpergröße und auf die Alte Geschichte, die er studiert und in der er promoviert hatte, nur noch Alexander der Große genannt. Zwei oder drei Kolleginnen mochten sich dieses Spitznamens allerdings nicht bedienen, nicht etwa aus Mitgefühl oder ähnlichen menschlichen Regungen, sondern weil sie ihn für eine krasse Überschätzung dieses Mannes hielten: weil Einer, der mitunter nicht in der Lage zu sein schien, sich allein die Schnürsenkel zuzubinden, ganz sicher nicht in der Lage wäre, den Gordischen Knoten zu lösen, wie auch immer.

Eben dieser Dr. Alexander Groß saß eines Tages in der Adventszeit an seinem Schreibtisch und sinnierte. Das war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen überhaupt, sich aus seinen Erinnerungen ins Hier und Jetzt zu träumen. Er dachte daran, wie er schon als Schüler die Chronik seines Heimatstädtchens erarbeitet hatte. Der Direktor der Schule hatte ihn und sein Büchlein auf der Abschlussfeier des Schuljahres gelobt, ihm vor allen Anderen anerkennend die Hand geschüttelt und eine große Zukunft vorausgesagt. Wer das Kleine nicht verachte, hatte der Direktor gesprochen, der sei auch zu Höherem berufen! Wie Honig waren diese Worte in seine Seele getropft. Noch heute vermochte er das Besondere des Augenblicks zu spüren, des Moments des Herausgehobenseins aus der Masse. Dieser Direktor war ihm damals zum ersten und wichtigsten Mentor geworden, der ihm den richtigen Weg gewiesen hatte. An jenem Tage war ihm die Berufung zu Höherem das Leitmotiv seines Lebens geworden. Und seine Gedanken wanderten weiter zur Universität, wo er Geschichte studiert hatte. Aus Neigung hatte er sich im Hauptstudium dann der Antike zugewandt. Der feste Glauben an seine Berufung hatte ihn auch dabei stets fleißig sein lassen. Schon bald hatte er in manchem Oberseminar die Aufmerksamkeit des einen oder anderen Professors auf sich gezogen, war zu Privatissima eingeladen und schließlich gar als Assistent eingestellt worden. Einige Monate lang hatte er dem Professor die Aktentasche in den Hörsaal zu tragen, bis diese Aufgabe von einem jüngeren Assistenten übernommen worden war, so dass er sich von da an ganz seiner Zukunft als Historiker hatte widmen können. Seine Aussichten waren hervorragend gewesen.

Dr. Alexander Groß tauchte aus seinen Erinnerungen auf und fand sich in eine grausame Wirklichkeit gestellt: er war nicht C4-Professor für Alte Geschichte. Bibliothekar war er, Fachreferent, Dezernent, Abteilungsleiter. Er spürte, dass wieder, wie schon so oft, Verbitterung von ihm Besitz ergriff. Als er nach seiner Promotion hatte daran gehen wollen, auf dem Weg zu dem Höheren, zu dem er berufen war, wie er seit jener denkwürdigen Schulfeier wusste, zügig voranzuschreiten und zu habilitieren, hatte ihn einer seiner Professoren auf die bedauerliche Tatsache hingewiesen, dass alle in Frage kommenden Lehrstühle bereits besetzt waren – und nicht nur das, sondern dass sie sogar erst vor kurzem mit relativ jungen Kollegen besetzt worden waren, die diese Lehrstühle noch zwei oder drei Jahrzehnte behalten würden. O Ungnade der späten Geburt! Er, der berufen war, musste erleben, dass Andere vor ihm berufen worden waren. Was sein Schulleiter zum Keimen gebracht hatte, das konnte nun nicht austreiben. Doch in seiner Bitterkeit regte sich auch sein Stolz. Er hatte sich nicht unterkriegen lassen, er hatte das Beste aus seiner Situation gemacht und sich für den Bibliotheksdienst entschieden. Das, ganz offensichtlich schien es ihm so zu sein, das war keine schlechte Wahl gewesen: Er, Dr. Alexander Groß, der zu Höherem berufen war, fand sich jetzt wenigstens im höheren Bibliotheksdienst wieder. Die Erinnerung an die Feier zum Schuljahresende, an die ergreifenden Worte des Direktors, an das Besondere jenes Augenblicks damals, an das Herausgehobensein aus der Masse stellte sich wieder ein.

Auf dem Bildschirm seines PCs blinkte die Mitteilung, dass er eine neue E-Mail erhalten habe. Sie war von der Bibliotheksleiterin. Dr. Alexander Groß las:
„Um das Betriebsklima in unserer Bibliothek zu optimieren, werde ich eine Weihnachtsfeier anordnen. Solche Feiern sind nämlich gut für die Motivation der Mitarbeiter“, teilte sie ihm unvermittelt mit.
Weiter las er :

„Ich wünsche, dass Sie auf dieser Feier den Weihnachtsmann spielen werden. Kümmern Sie sich bitte um eine angemessene Verkleidung“.