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Die etwas andere Weihnachstfeier (2010)

Klappern gehört zum Handwerk, sagt der Volksmund – und er offenbart damit, dass hinter der durch Jahrhunderte gewonnenen Erfahrung eine praktische Weisheit steht. Denn dieser Satz legt die Doppeldeutigkeit der Geräusche des Werkens offen. Wenn zum Beispiel ein Tischler einen Stuhl baut, so ist dieser Vorgang unvermeidbar mit Ge­räuschen verbunden, man hört ihn sägen, bohren, hämmern, feilen, Geräuschen, die aber nicht nur auf seine Tätigkeit verweisen, sondern die zugleich die Aufmerksamkeit mög­licher Käufer auf das Produkt lenken, auf den entstehenden Stuhl. Denn ein Tischler lebt nicht davon, dass er Stühle sowie andere Möbelstücke herstellt, sondern davon, dass er diese auch verkauft. Dieser zweite und zweifellos wichtigere Effekt der Geräusche hat sich allerdings im Laufe der Zeit verselbständigt, und die Entwicklung hat uns dahin ge­bracht, dass die Tätigkeit an sich, das Herstellen völlig belanglos geworden ist, und das Klappern quasi inhaltsleer. Heutzutage klappert man, um im Bild zu bleiben, ganz ohne Handwerk – auch wenn sich die Bezeichnung Klappern ohne Handwerk nicht durchset­zen konnte, ja, nicht einmal ernsthaft erwogen worden ist. Wir begnügen uns vielmehr mit dem neudeutschen Wort Marketing. Marketing ist das Zauberwort, das Alle und Je­den beflügelt, vom Säugling auf dem Töpfchen, der sein verrichtetes Geschäftchen be­kräht, bis zum Greis, der sein Ende nahe sieht und noch seinen Sarg auf Außenwirkung bedacht auswählt. Alle Bereiche des Lebens sind davon erfasst, inzwischen selbst jene, die sich lange Zeit noch weit erhaben fühlten über jene profanen Niederungen eines auf Verkaufen und Kaufen ausge­richteten Lebens. Menschen, die auf der Suche nach Wis­sen und Erkenntnis Bibliotheken aufsuchten, wurden zu Kunden – ein Terminus, der vermutlich dem Polizeijargon entliehen wurde, in dem auch von „alten Kunden“ oder „altbe­kannten Kunden“ die Rede ist, und das Streben der Bibliothekarinnen und Biblio­thekare richtet sich ganz darauf aus, möglichst viele potenzielle Kunden in … nein, so­weit ist es doch noch nicht gekommen, dass man sagen müsste: in ihre Geschäftsräu­me … in die Bibliotheken zu locken, unabhängig davon, worin deren Begehren eigent­lich besteht. Dieses neue Denken, eine Formulierung, die nicht ganz vorbehaltlos be­nutzt werden sollte, macht auch vor kleineren Bibliotheken keineswegs halt. Fast kann man sagen, dass es auf umso fruchtbareren Boden fällt, umso kleiner und bedeutungs­loser die Bibliothek ist: nirgendwo scheut man eben die Idylle mehr als in der Idylle!

Die Sommerferien waren vorüber, die Vorweihnachtszeit begann. In den Läden bogen sich die Tische unter Massen von Dominosteinen, von Zimtsternen und von Spekulatius, Berge von Christstollen waren aufgestapelt, und Armeen von in Stanniol uniformierten Weihnachtsmännern standen lächelnd in Reih und Glied. In dieser Zeit beginnt man sich in den Betrieben üblicherweise Gedanken darüber zu machen, wie und wo die obligato­rische Weihnachtsfeier stattfinden sollte. Ein gewisser Vorlauf ist dabei unbedingt ein­zuplanen, um in oft mit Leidenschaft geführten und sich mitunter qualvoll hinziehenden Debatten die Modalitäten festzulegen. Denn Konsens ist das Ziel, und die vielen unter­schiedlichen Befindlichkeiten zusammenzubringen, das braucht eben seine Zeit. So ge­schah es auch in einer kleinen, netten Hochschulbibliothek sozusagen am Rande der Welt, wenn diese poetische Formulierung gestattet ist: erst informell in kleinen Grüpp­chen wurde das Thema angesprochen, dann in immer größeren Kreisen, bis schließlich sich die gesamte Frühstücksrunde ausschließlich mit der Weihnachtsfeier befasste, ver­schiedene Kolleginnen und Kollegen sich aus unterschiedlichen Anlässen auf- und wie­der abregten, einmal diese beleidigt waren, dann jene gekränkt … – kurz: es war, wie es immer war, und es war gut, wie es war. Vorfreude hat oft die seltsamsten Erscheinungs­formen. Doch mitten hinein in dieses kollegiale Zusammenraufen, was vermutlich der wichtigste Teil der Weihnachtsfeier überhaupt war, platzte die Anordnung von ganz oben, nicht von der Bibliotheksleitung, nein, von einer Instanz zwischen ihr und dem lieben Gott, nämlich vom Präsidium. Die Weihnachtsfeier der Bibliothek, das besagte diese Anordnung, sollte in dem Jahr Teil werden der Außendarstellung der gesamten Hochschule, sollte eingebunden werden in ein großes, alle Einrichtungen umfassendes Konzept, was, wäre es auch im Einzelnen vielleicht zu bedauern, so wäre es insgesamt jedoch notwendig, unvermeidbar gar, Änderungen an der bis dahin üblichen Gestaltung mit sich brächte. Kein nettes Beisammensein wäre nun mehr vorgesehen, keine gemütli­che Runde im Kollegium, denn solche Aktivitäten wären von außen nicht wahrzuneh­men, gehörten deshalb uneingeschränkt in den Freizeitbereich. Eine große Show sollte es vielmehr werden in der Eingangshalle der Bibliothek mit geladenen Gästen aus Poli­tik und Wirtschaft, mit Presse selbstverständlich: Programmvorschläge erwartete das Präsidium binnen einer Woche. Es gab zwar die eine oder andere eher leise Unmutsbe­kundung, doch man fügte sich, und der Bibliotheks­leiter konnte zwei Kolleginnen und zwei Kollegen als Weihnachtsfeiervorbereitungs­kommission benennen.

Um es kurz zu machen: Alle nach Wochenfrist eingereichten Vorschläge der Bibliothek befand das Präsidium als ganz und gar unzureichend. Man hatte Größeres, Aufwendige­res im Sinn. Schließlich ging es dabei um die gesamte Hochschule, um ihre Ausstrah­lung in Stadt und Land, um Image, um Außenwirkung. Gemeinsames Absingen von Weihnachtsliedern etwa wurde als Kindergartenkram abgetan, mit dem die Hochschule keineswegs in Verbindung gebracht werden durfte. Und die Gestaltung des Programms wurde umgehend einer Stabsstelle im Präsidium übertragen, die recht dynamisch war und sehr effektiv arbeitete, wie sich sehr bald herausstellte. Denn schon am nächsten Tag lag ein neues Programm vor, das sofort die Zustimmung des Präsidenten sowie sämtlicher Vizepräsidenten fand: hübsche junge Frauen, wie amerikanische Cheerlea­derinnen gekleidet, sollten die Show nicht nur eröffnen, sondern während er ganzen Zeit präsent sein, sollten den Weihnachtsmannauftritt ebenso begleiten wie den des Präsi­denten und als Höhepunkt schließlich eine riesige Torte auffahren, der eine Überra­schung entsteigen würde – welche, war selbstverständlich geheim. Damit waren die nächsten Aufgaben bereits klar vorgegeben, und man begab sich an ihre Umsetzung. Keiner der Vizepräsidenten wollte die Rolle des Weihnachtsmannes übernehmen, so wurde sie kurzerhand dem Bibliotheksleiter übertragen. Dann galt es, die Cheerleaderin­nen auszuwählen, und zu diesem Zweck wurde eine Casting-AG gegründet. Sämtliche männlichen Bibliothekskollegen wollten dieser sofort beitreten; diesem Wunsch wurde stattgegeben. Nicht nur die Frauenbeauftragte, auch der Personalrat meldete unter Beru­fung auf Vertretungsrechte den Anspruch an, an der Auswahl beteiligt zu werden. Um einen möglichen Rechtsstreit zu vermeiden, da nämlich die Rechtslage überaus unklar zu sein schien, wurde auch diesen stattgegeben. Allein der ebenfalls erhobene Anspruch des Vertrauensmannes der Schwerbehinderten wurde als unbegründet abgelehnt, worauf dieser erklärte, aus Protest der Weihnachtsfeier fernbleiben zu wollen. Die Arbeit der Casting-AG gestaltete sich dann als schwieriger als zuvor erwartet. Sie begann mit einer Erklärung der Frauenbeauftragten, dass sie sehr achtsam sein wollte, damit es zu keiner Bevorzugung von männlichen Bewerbern kommen würde. Das rief bei den übrigen Mitgliedern der AG zwar ein Kopfschütteln hervor; auf eine Diskussion dieser Position wollte man jedoch verzichten. Der Personalrat bestand dann darauf, dass er in erster Linie einen Anspruch bei den Kolleginnen in der Bibliothek sähe; ein Vorstoß, dem vor allem die männlichen Vertreter der Bibliothek heftigst widersprachen. Schon wollte die Frauenbeauftragte zugunsten der Kolleginnen intervenieren, als die Kollegen sie davon überzeugen konnten, dass es ihnen bei ihrem Widerspruch keineswegs um eine Be­vorzugung männlicher Bewerber ging, dass zudem keiner von ihnen sich selbst ins Spiel bringen wollte, Nur Qualifikation und Eignung sollten, da waren sich alle Mitglieder der AG einig, den Ausschlag geben. Da der Personalrat auf seiner Position beharrte, hätte diese ausdiskutiert werden müssen. Man verständigte sich jedoch erst einmal auf einen Rundgang durch die Bibliothek, sozusagen auf eine Inaugenscheinnahme der Kollegin­nen. Danach wurde vorgeschlagen, Studentinnen auszuwählen, und dieser Vorschlag fand einhellige Zustimmung. Da Studentinnen nicht durch den Personalrat vertreten werden, entfiel damit dessen möglicher Rechtsanspruch, und die Personalratsmitglieder durften nicht weiter in der AG mitarbeiten. Die Frauenbeauftragte sah nun mit der Fest­legung auf Studentinnen alles auf dem richtigen Weg, schützte andere Termine vor und schied ebenfalls aus. Woraufhin die allein übrig gebliebenen männlichen Kollegen der Bibliothek sich überfordert sahen und den Auftrag zurückgaben. Das Präsidium beauf­tragte daraufhin Dieter Bohlen mit der Auswahl der Cheerleaderinnen, der sich zunächst ein wenig zierte und diese Aufgabe erst übernahm, als ihm eine Gastprofessur in Aus­sicht gestellt wurde, sie dann aber zu aller Zufriedenheit erledigte. Die weiteren Vorbe­reitungen wurden gleich vom Präsidialbüro koordiniert und verliefen so, dass keine Informationen nach außen drangen. So wussten auch die Mitarbeiterinnen und Mitar­beiter der Bibliothek nicht, was auf sie zukommen würde. Sie wurden lediglich angehal­ten, am Tag der Weihnachtsfeier ordentlich gekämmt und in sauberer Kleidung in der Bibliothek zu erscheinen.

Schließlich war der Tag der Weihnachtsfeier gekommen. Die Eingangshalle der Biblio­thek war in das sanfte Licht eines großen Weihnachtsbaumes getaucht, die Wände hat­ten fleißige Helfer mit Tannenzweigen und Lametta stilvoll dekoriert. Die geladenen Gäste aus Politik und Wirtschaft standen in froher Erwartung, was nun kommen würde, die Vertreter der Presse wuselten um sie herum. Der Oberbürgermeister war erschienen, ebenso der Landrat, Standortältester und Superintendent fehlten ebenso wenig wie der IHK-Präsident. Man plauderte, man war zufrieden, es gab zu trinken, und man brauchte nicht dafür zu bezahlen. Der Wissenschaftsminister ließ sich leider entschuldigen, er hatte jedoch ein Grußtelegramm geschickt, in welchem er seine feste Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass diese Weihnachtsfeier so zukunftsweisend sein werde wie die Politik des Präsidenten überhaupt; auch wünschte er gutes Gelingen. Da ertönten aus versteckten Lautsprechern Fanfarenstöße, kurz darauf noch einmal, schließlich ein drittes Mal, die Flügel der großen Glastür wurden aufgezogen und herein tänzelten die von Dieter Bohlen ausgewählten Studentinnen, abwechselnd blond und brünett, alle schlank, alle hübsch und cheerleadermäßig in dunkelrote Bikinis gekleidet mit Rändern aus weißem Fellimitat, an ihren Hand- und Fußgelenken pendelten jeweils drei bis vier große weiße Puschel; und auf dem Kopf trugen sie, neckisch schräg aufgesetzt, kurze Weihnachtsmannmützen. Sie stellten sich sogleich in zwei Reihen einander gegenüber auf, und durch dieses Spalier zog nun der Weihnachtsmann in die Halle ein. Dass es nun doch nicht der Bibliotheksleiter war, der da herein kam, fiel kaum einem auf. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass das vom Präsidium beschaffte Kostüm diesem viel zu groß war, worauf man kurzfristig umdisponiert hatte und einen Herrn vom Hausdienst mit einer etwas stabileren Statur mit dieser Aufgabe betraut. Der hatte sich allerdings ausbedungen, auf keinen Fall etwas sagen zu müssen, anderenfalls er dafür nicht zur Verfügung gestanden hätte, weshalb er zwar freundlich winkend, aber schweigend ein­zog und sich einfach nur auf dem für ihn bereit gestellten Sessel niederließ. Aus den Lautsprechern erklangen befremdliche Töne, die bei genauerem Hinhören entfernt an Weihnachtslieder erinnerten – was der inzwischen eingetroffene Präsident zum Anlass nahm, vor Beginn seiner Ansprache stolz zu verkünden, dass es dem Präsidium gelun­gen war, Elton John dafür zu gewinnen, ein paar Lieder zum Anlass dieser Weihnachts­feier zu komponieren. Und auch er würde, erfuhren die versammelten Gäste, als Gastpro­fessor zur Verfügung stehen – wobei noch ungeklärt war, in welchem Studiengang. „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitarbeiter“, begann dann der Präsident seine Ansprache, und er sagte, was zu solchen Anlässen immer gesagt wird, was alle schon oft gehört, zudem erwartet hatten zu hören. Niemand hörte also zu, aber allen gelang es aufgrund einer auf jahrelanger Erfahrung mit Veranstaltungen wie dieser beruhenden Routine, ihren Gesichtern einen interessierten Ausdruck zu geben. Wobei ein gewisses Interesse zumindest bei den Herren gar nicht geheuchelt werden musste, konnten sie doch den Blick auf den hübschen, jungen Frauen in den weihnachtlichen Bikinis, mit ihren kessen Mützen und mit den lustigen Puscheln ruhen lassen. Nachdem der Präsi­dent einen Rückblick auf das zuende gehende Jahr geworfen, nachdem er seine Arbeit und selbstverständlich auch die seiner Mitarbeiter gelobt, sogar einen kurzen Ausblick auf das nächste Jahr und seine großartigen Pläne und Projekte geboten hatte, kündigte er die große Überraschung an. Wieder ertönten die Fanfaren, und weitere Weihnachts-Cheerleaderinnen kamen in die Eingangshalle gelaufen, wobei sie die gigantische Torte vor sich her schoben, bis hin zum Präsidenten. Dieser schien eine Weile lächelnd den Aahs und Oohs der Gäste zu lauschen, bis er nach kurzem Blickkontakt mit einem sei­ner Mitarbeiter rückwärts zu zählen begann: zehn, neun, acht. Da fiel das Publikum ein und zählte mit: sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins – und an der Stelle machte der Präsident eine Kunstpause, bevor er laut rief. „Jetzt!“. Zunächst geschah nichts, aber nach nur wenigen Sekunden – mit einem lauten PLOPP! – brach die Torte nach oben auf und heraus kam, ja, heraus kam leider nichts. Die Torte war leer.

Was dann geschah, lässt sich kaum in Worte fassen. Das Geräusch des Aufbrechens der Torte, keineswegs übermäßig laut, doch völlig überraschend, ließ die um sie Stehenden reflexartig zurückweichen, und dieses Zurückweichen erreichte in zwei, drei Wellenbe­wegungen den großen Weihnachtsbaum, ließ ihn erst heftig schwanken und schließlich umstürzen. Zunächst hörte man ein Rauschen der Zweige und ihren leisen Aufprall am Boden, dann das hellere Bersten der Glühlampen. Die Lichter erloschen, dunkel wurde es in der Halle. Und im Schutz dieser Dunkelheit sollen sich die unglaublichsten Dinge abgespielt haben, Dinge, die man, wäre man nur aufmerksam gewesen, hätte vorausse­hen müssen. Denn der Weihnachtsmann, der sich offensichtlich gelangweilt und auch nicht die Neigung verspürt hatte, das zu verbergen, hatte zuvor bereits eine der Cheer­leaderinnen zu sich herangewinkt, und diese war seiner Aufforderung auch arglos ge­folgt. Doch kaum hatte sie sich in seiner Reichweite befunden, als er sie auch schon zu sich gezogen und sie zu herzen begonnen hatte, was wiederum bei ihr quiekende Laute verursacht hatte, allerdings nicht allzu laute. Die der Umstehenden, die diese Szene beo­bachtet hatten, waren, wo sie hätten eingreifen müssen, nur bemüht gewesen, ein Grin­sen zu unterdrücken und empört zu gucken, was nicht einmal allen hatte gelingen wol­len. Und nun, da es dunkel war, entfielen alle Hemmungen. Es gab ein Stoßen, Knuffen, Stöhnen, Jauchzen, Kichern, Schreien, ein Geraschel hier, ein Geraune dort, ein einziges Tohuwabohu herrschte in der Eingangshalle der Bibliothek – der Präsident konnte, wie man hört, entkommen.

Ärgerlich war dann noch, dass man dem Kostümverleih, bei dem man die weihnachtli­chen Bikinis entliehen hatte, leider nicht alle vollständig zurückgeben konnte. Einzelne Teile blieben verschwunden, und auch einige Mützen und fast alle Puschel waren völlig zerknittert und mussten ersetzt werden.