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Die Weihnachtsfeier (2004)

Immer, wenn mir nichts einfällt, rufe ich meinen Freund Laurenz an. Der ist auch Bibliothekar, arbeitet aber in einer anderen Bibliothek. Ich muss zugeben, dass ich ihn in jedem Jahr im November angerufen habe, wenn ich an einer neuen Weihnachtsgeschichte saß. Nicht, dass Laurenz tatsächlich eine Hilfe wäre. Nie hat der eine Idee für eine gute Geschichte. Aber irgendetwas treibt mich, es immer wieder mit ihm zu versuchen. Im November habe ich ihn also angerufen und ihm mein Leid geklagt, dass ich wieder einmal eine Weihnachtsgeschichte schreiben müsste, aber nicht wüsste, was ich schreiben solle. Zehn Geschichten habe ich schon geschrieben, und nun will es mir scheinen, dass ich alles abgehandelt hätte, was einem zu Weihnachten und Bibliothek einfallen kann. Mein Freund schwieg. Ich fragte: „Laurenz, bist du noch dran? Hörst du mich?“ Und mit der ihm eigenen Sprunghaftigkeit antwortete er: „Ja, ja, ich hör dir zu. Sag mal, gibt’s bei euch wieder eine Weihnachtsfeier?“ Es sollte eine Weihnachtsfeier geben, doch was zum Teufel …

Da fiel mir ein, dass auf der Weihnachtsfeier vor ein paar Jahren eine Kollegin … Wie hieß sie noch? Felicitas Schmidtke. Genau, Felicitas Schmitdke. Eigentlich eine ganz unauffällige Kollegin. Nicht gerade mit Dutt und im Faltenrock, aber immer sehr dezent und gedeckt gekleidet. Ungeschminkt. An ihre Lippen ließ die nur Labello. Und die Haare kurz, praktisch. Auf gewisse Weise alters- und geschlechtslos. Einmal hatte es das Gerücht gegeben, sie hätte etwas mit einem Kollegen aus der Buchbearbeitung. Aber das hatte nicht ihr gegolten. Irgendjemand wollte dem Kollegen eins auswischen: „Na, jetzt schon in der Fürsorge – kriegst wohl sonst keine ab?“ Also ein Kämpfchen unter Männern. Felicitas Schmidtke gehörte zur Katalogabteilung. Es war ihr gelungen, den hintersten Schreibtisch zu ergattern, und dort arbeitete sie fast schon im Verborgenen. Hin und wieder musste sie an der Information aushelfen. Wenn sie sich von ihrem sicheren Schreibtisch in der Katalogabteilung mitten unter all die Menschen geworfen fand, dann war sie unsicher, wirkte ein wenig verloren, und wurde meistens rot, wenn ein Mann sie ansprach.

Diese Kollegin … Ich kann es noch immer nicht fassen. Es hatte die übliche Diskussion gegeben, wo die Weihnachtsfeier stattfinden sollte. In jedem Jahr findet eine solche Diskussion statt, die gehört zur Feier wie das Einkaufen der Getränke. Zwei Fraktionen gibt es: eine, die die Bibliothek nicht schnell genug verlassen kann, eine andere, die sich nicht von ihr zu lösen vermag; die eine will also auf gar keinen Fall in der Bibliothek feiern, die andere unbedingt dort. Längst ist man übereingekommen, im Wechsel einmal in einer Gaststätte, einmal in der Bibliothek zu feiern – ein paar ganz Hartgesottene nehmen deshalb nur in jedem zweiten Jahr teil, diskutiert nichtsdestotrotz aber in jedem Jahr aufs Neue die Raumfrage. Damals fand die Feier dann in der Bibliothek statt. Wir hatten uns alle im Aufenthaltsraum versammelt, das Buffet war aufgebaut, in der Teeküche wurde der Punsch warmgehalten. Ein paar Kolleginnen hatten den langen Tisch weihnachtlich hergerichtet, hatten Tannengrün ausgelegt und Kerzen aufgestellt. Eine besinnliche Feier sollte ihren Lauf nehmen.

Da erschien Felicitas Schmidtke. Wir erstarrten. Die Kollegin trug ein knappes nur durch eine goldene Schlaufe zusammengehaltenes Westchen, dunkelrot mit weißem Kunstpelzbesatz an den Rändern, ein ebensolches kurzes, sehr kurzes Röckchen und auf dem Kopf, keck zur Seite geneigt, eine Weihnachtsmannmütze. Viel Haut war zu sehen. Sie war kein bisschen verlegen, kam vielmehr fröhlich um die Ecke getänzelt und lachte uns alle an. Die Kolleginnen wandten sich ab, taten beschäftigt, eine rückte die Tannenzweige auf dem Tisch hin und her, eine andere stellte die Schüsseln und Platten auf dem Buffet um, scheinbar in dem Bemühen, für weitere ein wenig Platz zu schaffen, wieder eine andere ging den Punsch umrühren … Ich wandte mich selbstverständlich nicht ab, ich sah hin; aber der Kollege Hecker, der gaffte ganz ungeniert die leicht bekleidete Kollegin an, dass es wirklich peinlich war. Gewiss, da war ein hübscher Bauch zu sehen. Doch, doch, ein sehr hübscher sogar. So richtig zum Schnuddeln. Wer hätte einen solchen Bauch bei einer Bibliothekarin vermutet? Und gar bei dieser? Aber deshalb musste man doch nicht so darauf starren wie dieser Hecker. Ich bemerkte eher zufällig an ihrem Bauchnabel ein kleines goldenes Piercing, es hatte die Form eines Weihnachtsbaumes. Welch ein origineller Einfall! Mein Blick ging tiefer. Was für schöne Beine! Nie hätte ich solche unter ihren meist grauen Hosen vermutet. Felicitas Schmidtke war von oben bis unten ein wunderbarer Anblick.

„Was ist?“, rief sie, „Wollen wir denn nicht feiern?“, und fing an, Becher mit Punsch zu füllen. Sie stieß mit allen an, wünschte ein schönes Weihnachtfest, und Kollege Hecker entblödete sich nicht, sie in den Arm zu nehmen und ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken. Um ihn nicht bloßzustellen, wollte ich es ihm gleichtun, aber irgendwie kam es nicht zu diesem Akt von Männersolidarität; als ich die Kollegin in den Arm nehmen wollte, war sie schon weitergetänzelt – und überhaupt hatte dieser Hecker, der blöde Kerl, viel bessere Karten bei ihr als ich. Sie tranken Punsch zusammen, tuschelten, lachten und hatten ganz offensichtlich ihren Spaß, während ich mich dem Buffet zuwandte und die verschiedenen Salate und Häppchen probierte. Plötzlich ertönte ein Schrei. Ich fuhr herum, gerade recht, um zu sehen, wie der Kollege Hecker Felicitas Schmidtke auf den Tisch hinauf half, wo die beiden sofort mit einem wilden Tanz begannen, dass die Tannenzweige und Kerzen davon stoben. Das wurde nun von allen Kolleginnen und auch von mir missbilligt. Die beiden kletterten wieder vom Tisch herunter, schienen aber kein bisschen bedrückt zu sein. Kichernd verabschiedeten sie sich und gemeinsam zogen sie von dannen. Am nächsten Tag kam der Kollege Hecker mit Schnittverletzungen an den Lippen in die Bibliothek. Er murmelte etwas von blöden Piercings. Geschah ihm nur recht.

„Nein“, log ich Laurenz an, „wir machen in diesem Jahr keine Weihnachtsfeier.“ Ich hatte das ungute Gefühl, dass er auch kommen und den anderen von meinem Anruf erzählen könnte. Dann beendete ich das Gespräch. Es gab nichts mehr zu bereden. Ich hatte ja gleich gewusst, dass mein Freund und Kollege keine Hilfe sein würde. Noch immer hatte ich keine Idee für eine Weihnachtsgeschichte.