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Eine nette kleine Geschichte (2003)

Immer wieder bin ich darauf angesprochen worden, dass meine Weihnachtsgeschichten von Jahr zu Jahr galliger würden. Die sanfte Ironie sei einem bitteren Sarkasmus gewichen, wo einst so etwas wie Sympathie spürbar war, ließe nun sich tiefe Abneigung erahnen. Und Weihnachten sei doch das Fest der Liebe und der Eintracht. Mit dem Dichter ließe sich dagegen einwenden: „Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!“ – aber ich muss gestehen, dass meine Kritiker recht haben. Die Weihnachtszeit ist nicht die Zeit, Unfrieden zu stiften, eventuell alte Rechnungen zu begleichen. Hohn und Spott passen nicht hinein. Es ist die Zeit, liebevoll aufeinander zuzugehen. Und so will ich nicht fortfahren, die Weisheit der Leitenden in Zweifel zu ziehen – wissen wir doch alle, dass Gott, wem er ein Amt, dem auch Verstand gibt, sondern will stattdessen wieder eine nette kleine Geschichte aus dem Bibliotheksalltag erzählen:</P>rn<P>In der Backsteinidylle einer norddeutschen Kleinstadt waltete vor nicht langer Zeit ein Bibliotheksbeamter seines Amtes auf die gewissenhafteste Weise. Es war dies auch notwendig in Zeiten, in denen den Menschen, vor allem den jungen Studenten, alle Ruhe abhanden gekommen war, so dass sie selbst die heilige Stille der Lesesäle störten. Sie bedurften also seiner zwar strengen, doch immer höflichen Ermahnungen, und unbeirrbar machte sich der Beamte auf den Weg durch die Bibliothek, die dort notwendige Ordnung einzufordern. Wies er einen der jungen Unruhestifter auf einen Verstoß hin, so konnte er selbstverständlich auch immer gleich den Paragraphen benennen, gegen den verstoßen worden war. Das schon zerlesene Exemplar der Benutzungsordnung, das er immer bei sich trug, benötigte er längst nicht mehr. Die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Bibliothek war ihm zur Lebensaufgabe geworden. Er kam am Morgen als Erster, bevor die Türen der Bibliothek geöffnet wurden, und ging am Abend als Letzter erst, nachdem sie wieder geschlossen worden waren. Und selbst der entnervte Ausruf einer Studentin „Ich weiß schon, dass Sie immer alles ganz genau nehmen!“ klang in seinen Ohren wie ein uneingeschränktes Lob.

Dass er auf ein Privatleben völlig verzichtete, versteht sich von selbt. Seit der Beerdigung seiner Mutter, zu der er in eine entferntere Stadt hatte fahren müssen, war er nicht mehr verreist. Seine zölibatäre Lebensweise – die übrigens viele seiner Kolleginnen mit ihm teilten, wenn auch aus anderen Gründen – hielt er für die einzige seinem Beruf angemessene. Ein Hobby leistete er sich allerdings. Er sammelte Leihscheine, die abends zu sortieren das einzige Vergnügen war, das er sich gönnte. Auch hatte er für diese Sammlung im Laufe der Jahre umfangreiche Register angelegt. Bedauerlicherweise wurde es immer schwieriger, neue Leihscheine zu bekommen, da der allgemeine kulturelle Verfall auch vor den Bibliotheken nicht halt gemacht hatte, so dass er fast ganz auf die mühsame und teure antiquarische Beschaffung angewiesen war. Durchaus auch ausgefüllte, nicht nur unbenutzte Leihscheine umfasste seine Sammlung – und sein ganzer Stolz waren zwei Teile eines dreiteiligen Leihscheins aus dem Jahre 1919, der Fristcoupon war leider nicht mehr auffindbar gewesen, mit dem ein gewisser Bertolt Brecht in der Stadtbücherei Augsburg Villons Balladen ausgeliehen hatte. Ein paar Aufsätze zum Thema hatte er früher auch geschrieben, die jedoch von verständnislosen Redakteuren verschiedener Fachzeitschriften allesamt zurückgewiesen worden waren.

Zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Bibliothek gehörte für den Bibliotheksbeamten auch das Ahnden von Leihfristüberschreitungen. Mit großer Hingabe mahnte er säumige Entleiher, in vollem Bewußtsein der Wichtigkeit seines Tuns. Denn wenn Bücher an einem bestimmten Tag an die Bibliothek zurückzugeben waren, mussten sie dann auch zurückgegeben werden. Keiner machte sich klar, wohin Nachlässigkeit hier führen konnte, keiner außer ihm. Vor den Portalen der Bibliothek sah er die Anarchie lauern, das Chaos – und, was ihm das Schlimmste überhaupt zu sein schien, eine völlige Unberechenbarkeit: Niemand könnte mehr wissen, wann ein Buch wieder zur Verfügung stehen würde. Nicht nur die Ordnung in der Bibliothek geriete ins Wanken, sogar Wissenschaft und Forschung wären behindert, wenn er, der pflichtbewusste Bibliotheksbeamte, nicht wäre. Und so mahnte er unermüdlich und streng elf Monate des Jahres lang. Dann aber, im zwölften, sobald an den Adventskränzen die Lichtlein aufflammten, wurde er milde gestimmt – wenngleich er sich selbstverständlich nicht dazu hinreißen ließ, Ordnung, Wissenschaft und Forschung zu gefährden. Nein, was sein musste, musste auch in der Vorweihnachtszeit sein! Aber es wuchs in dieser Zeit in ihm der Wunsch, in seinem Tun ein wenig Menschlichkeit durchschimmern zu lassen, selbst diese Säumigen wissen zu lassen, dass er ihnen zwar mit Strenge entgegentreten musste, dieses aber in menschheitsumfassender Liebe tat. Er verschickte also weiterhin seine Mahnungen pünktlich und unerbittlich, versah sie jedoch mit kleinen goldenen Sternchen, strahlenden Kerzchen, pausbäckigen Engelchen und bunten Tannenbäumchen. Hingebungsvoll und mit einem Lächeln im Gesicht schmückte er diese sonst so nüchternen Schriftstücke. Nicht eine Mahnung wanderte in den Postausgangskorb, ohne dass er sie mit seinen Buntstiften bearbeitet hatte.

Je weiter die Adventszeit voranschritt, desto weniger genügten die kleinen Verzierungen dem Bibliotheksbeamten. Es brauchte mehr als diese, um die umfassenden Gefühle auszudrücken, die sich in seiner Brust eingenistet hatten. Und er begann, Mahnungen in gereimter Form zu verschicken. Einem schrieb er

Kling, Glöckchen, klingelingeling –
der Postbot’ eine Mahnung bring!,

einem Anderen reimte er

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen,
schnell in die Bibliothek musst rennen!
,

ein Dritter bekam zu lesen

Lasst uns froh und munter sein,
uns von der Mahnung nicht entzwei‘n!
,

und noch Einer

O Heiland, reiß die Himmel auf,
die Mahnung kommt im Dauerlauf!

Ganz vergnügt saß der Bibliotheksbeamte an seinen Schreibtisch und dichtete seine Mahnungen. Weihnachtlich warm wurde ihm ums Herz, wenn er seine Verslein zu Papier brachte, erst die eine Zeile

Leise rieselt der Schnee,
dann, nach einiger Zeit des Bedenkens, in der er Zeilen erfand und verwarf, die zweite, die ihm glücklich eingefallen war,

eine Mahnung tut nicht weh!
Wenn dann schließlich nach Stunden des Schaffens, nur unterbrochen von den notwendigen regelmäßigen Rundgängen durch die Bibliothek, alle Mahnungen geschrieben waren, dann kam ein Moment der Besinnung, der inneren Einkehr. Der Bibliotheksbeamte betrachtete sein Tagewerk, sah, was er getan, wie er es getan hatte – und in solchen Augenblicken fühlte er, daß ganz tief unten in seiner Beamtenseele ein Künstler verborgen war.