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Kollege Millhagen (1999)

Ich kann mich noch gut an den Kollegen Millhagen erinnern. Immer war er äußerst korrekt gekleidet – wobei mir heute, nach den beklagenswerten Vorfällen, im Nachhinein doch auffällt, dass er zwar stets Anzüge in angemessen gedeckter Farbe trug, aber offensichtlich eine Neigung für rote Krawatten hegte. Damals allerdings habe ich dem keine Bedeutung beigemessen. Ich kann auch nicht mehr sagen, ob andere Kollegen oder Kolleginnen das getan haben … ganz sicher nicht jener Kollege, der immer ungekämmt in ausgefransten Jeans und ungebügelten Hemden zum Dienst erschien. Sein Namen ist mir entfallen. Das war ein ganz Krauser, nein, der hätte höchstens an Millhagens graublauen Anzügen Anstoss genommen, niemals an dessen roten Krawatten. Doch kann ich das so genau nicht mehr sagen.

Ich glaube nicht, dass der Kollege Millhagen mit irgendjemand in der Bibliothek befreundet war. Ich weiß auch nicht, ob er überhaupt Freunde hatte. Mein Freund zumindest war er nicht. Er erschien jeden Morgen in der Bibliothek und verschwand am Nachmittag wieder, nach Hause, wie ich annehme. Er war höflich, durchaus auch hilfsbereit, vor allem aber immer sehr, sehr pflichtbewußt. Kein anderer Kollege hat den Aufsichtsdienst so ernst genommen wie Millhagen, von unseren Kolleginnen will ich lieber gar nicht erst reden. Für ihn war die Bibliothek ein Ort der Ruhe. Und Ruhe, das hieß für ihn: kein Geräusch, absolut kein Geräusch. Diese Stille herzustellen und zu erhalten sah es als seine (und vermutlich auch unsere!) Aufgabe an. Auch sorgte er dafür, man kann sagen, kompromisslos, die Benutzungsordnung durchzusetzen. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er seine Runden durch die Lesesäle machte. Da konnten wir zuvor noch so sehr aufgepasst haben, Millhagen fand immer noch jemanden, der ein Handy oder eine Thermoskanne Tee oder gar einen Schokoriegel bei sich hatte. Nur mit Mühe und schließlich durch ein ausdrückliches Verbot konnte die Bibliotheksleitung ihn davon abbringen, die Ausbeute jeweils im Diensttagebuch zu vermerken.

Man kann sich leicht vorstellen, dass der Kollege sich damit nicht beliebt gemacht hat. Sicher gab es auch ein paar Leute, wenige wohl nur, die es angenehm fanden, dass er Ruhe in die Lesesäle brachte. Den meisten jedoch ging er furchtbar auf die Nerven. Millhagens Auftritte gerieten auch oft zu unglücklichen Situationen. Da sass eine oder einer stundenlang schweigend über den Büchern, las und schrieb, um dann leise nur ein paar Worte mit einem Gegenüber zu wechseln, und just in diesem Augenblick musste der pflichtbewusste Bibliothekar daher kommen und gleich seines Amtes walten. Auch wir, seine Kollegen, ich kann mich davon überhaupt nicht ausnehmen, und vor allem die Kolleginnen hatten Schwierigkeiten mit diesem Pflichtbewusstsein, das uns immer wieder vor Augen führte, wie nachlässig wir eigentlich doch den Aufsichtsdienst ausübten. Hinter seinem Rücken nannten wir Millhagen deshalb bald den Feldwebel. Wir gewöhnten uns an, ihn nicht mehr zu beachten. Er war so, wie er war; und wir waren anders, ein wenig anders doch.

Ich kann wohl deshalb auch nicht sagen, ab wann genau diese kleinen – wie soll ich sie nennen? – Merkwürdigkeiten aufzutreten begannen. Es liegt nahe, dass es in der Vorweihnachtszeit war, doch eine Gewissheit haben wir nicht. Irgendwann ist aufgefallen, dass der Kollege Millhagen Fragen nicht mehr beantwortete. Er, der immer für jedes Problem eine Lösung parat hatte, dieser zuverlässige Kollege erwiderte Fragen, ernst gemeinte Fragen, Hilfe heischende Fragen mit einem lächelnd dargebotenem „Frohes Fest!“ oder „Fröhliche Weihnachten!“ Das allein war bereits verwirrend, doch hinzu kam, dass er zwar zunächst noch diese kleinen Wünsche flüsterte, dann aber immer lauter wurde, so dass er sie bald schon, ich kann es heute noch nicht fassen, laut hinausjubelte. Nach wenigen Tagen war die ganze Bibliothek erfüllt von Millhagens Ausrufen. Seine Weihnachtswünsche störten die Stille der Lesesäle erheblich, so dass nun er gebeten wurde, doch bitte ruhig zu sein.

Seine Reaktion auf diese Bitten war furchtbar. Nie zuvor und auch nie danach habe ich in meiner langen Berufstätigkeit so etwas ein zweites Mal erleben müssen. Der Kollege Millhagen stimmte in den Lesesälen, die ihm einmal Orte der Stille gewesen waren, laut Weihnachtslieder an und er versuchte, die Menschen dort anzustiften, ja, er drängte sie, mit ihm zu singen. Am liebsten sang er „Stille Nacht, heilige Nacht“. Immer wieder lief er umher, sang dieses Lied und stupste, wen immer er fand, auffordernd an. „Stille Nacht…“ – was uns schon bald wie Hohn vorkam, und dann schien es uns auch, als ertönte dieses Wort „Stille“ besonders laut, als brüllte er dieses Wort in die Lesesäle hinein. Doch es kam noch schlimmer! Eines Tages dann nannte er die anwesenden Studentinnen, besonders die hübschen blonden, Engelchen. Und als er auch noch versuchte, ihre Flügel zu streicheln, verließen sie fluchtartig die Bibliothek. Irgendjemand hatte inzwischen unseren Bibliotheksleiter informiert. Der dachte sofort an die nächste Sitzung der Bibliothekskommission, Schweiß trat ihm auf die Stirn. Eilig kam er herbeigelaufen, um zu retten, was noch zu retten war. Ihm scholl ein fröhliches „Ach, schaut einmal, da kommt der Weihnachtsmann!“ entgegen. Mit Hilfe einiger Studenten gelang es ihm, den Kollegen zu überwältigen.

Das alles liegt nun schon etwa ein Jahr zurück. Wieder ist Adventszeit, wieder steht Weihnachten vor der Tür. Wenn ich durch die Lesesäle gehe, muss ich – besonders jetzt, zu dieser Zeit – immer wieder an unseren unglücklichen Kollegen Millhagen denken. Er ist nie wieder zu uns in die Bibliothek zurückgekehrt. Nach einem längeren Aufenthalt im Landeskrankenhaus ist er vorzeitig in den Ruhestand entlassen worden. Ja, so kann es uns ergehen in diesem aufreibenden Beruf. Und oft sind es gerade die Besten, die auf der Strecke bleiben. Manchmal träume ich ja auch davon, früher in den Ruhestand zu gehen. Aber so wie der Kollege Millhagen, ich weiß nicht recht … doch andererseits: warum nicht … wenn“s funktioniert …. und wenn man vorher blonden Engelchen die Flügel streicheln kann?