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Uns ist ein Kindlein geboren (1997)

Nichts besinnlicheres kann ich mir vorstellen als die Tage kurz vor Weihnachten in einer Bibliothek. Es dämmert früh, die Lampen werden eingeschaltet, eine Vorahnung von Tannenbaum und Kerzenschein weht durch die Räume. Alle sind milde gestimmt. Bibliothekarinnen huschen zwischen den Regalen umher. Hin und wieder entfährt ihnen ein leise jubelndes Hoseanna, und ein Lächeln läßt ihre grauen Gesichter einen Moment lang aufleuchten. Säumige Leser zahlen freudig lachend ihre Mahngebühren. Geben ist seliger denn Nehmen; so geben sie mit leichter Hand. Man meint, Orgelton zu hören und Glockenklang, den Chor der Engel, der das Lob des Herrn singt in dieser vorweihnachtlichen Zeit. Dem Bibliothekar am Auskunftsschalter, der schon etwas in die Jahre gekommen ist, wird warm ums papierne Herz. Hat er doch in diesen Tagen entdeckt, daß auch in ihm noch Liebe wohnt, und so nickt er mit Wohlgefallen hinter hübschen Studentinnen her.

In diese Idylle hinein platzt der Ruf: „Uns ist ein Kindlein geboren!“ Ein Kind ist geboren, hier und jetzt, in dieser Bibliothek. Verwundert fährt einer hoch: „Wieso heute schon? Es ist doch erst der 17. Dezember. Eine Frühgeburt!“ Entsetzt eine andere: „O Gott, der Teppichboden!“ Doch dann, mit nunmehr strahlenden Gesichtern, tritt der Chor der Bibliothekarinnen aus den Regalen und läßt ein nicht mehr leises „Hoseanna“ hören.

Der Bibliothekar geht, sich diesen ungeheuerlichen Vorfall anzusehen. Er folgt dem Licht der Lampe im hinteren Bereich des Lesesaales und findet dort auf einem Lager von aus Büchern gerissenen Blättern einen neugeborenen Knaben. Daneben hockt eine völlig erschöpfte junge Frau, die gerade dabei ist, aus Mahrenholz“ Verkannter Religionslehre Seiten zu reißen, um das Kind damit zu bedecken. Ein Mann steht auch dort, ein Student mit Namen Tischler, der Bibliothekar kennt ihn flüchtig, der immer wieder beteuert, mit der ganzen Sache nichts zu tun zu haben, schon gar nicht der Vater zu sein. Ein paar Regale weiter streiten sich zwei lautstark, aus ihrem erregten Wortwechsel ist immer wieder „Du Ochse“ und „Du Esel“ herauszuhören.

Von dieser Situation ist der Bibliothekar überfordert. Die vorweihnachtliche Stimmung ist ihm gründlich verdorben. Orgelton und Glockenklang sind einem dumpfen Dröhnen gewichen. In seinem Kopf wehen die Paragraphen der Benutzungsordnung übereinander. Er kennt sie alle auswendig. Es ist ihm klar, daß das Herausreißen von Buchseiten wie auch lautes Streiten oder Lamentieren, mag es auch noch so begründet sein, nicht erlaubt sind. Auch die Kolleginnen hätten eben nicht so laut Hoseanna singen dürfen. Aber wie es sich mit Geburten in der Bibliothek verhält, das ist nicht geregelt. In seinem Kopf ballt sich die Benutzungsordnung zu einem großen Papierknäuel zusammen. Kein Beistand ist von ihr zu erwarten. Nicht vorgesehen ist, was da vor ihm zwischen den Regalen auf dem Boden liegt, dieser Neugeborene auf einem Berg von Blättern. Er möchte einfach nur an seinem Auskunftsplatz sitzen, er möchte, daß jemand das alles regelte. Noch lieber wäre er ganz weit fort. Er will etwas sagen, weiß selbst nicht recht, was. Ein Stammeln nur gelingt ihm. Und als er sich umdreht, verstummt er ganz. Der Präsident der Universität kommt mit einer ausländischen Delegation, drei honorigen Herren, geradewegs auf die Szene zu.

Dem Bibliothekar schießen tausend Ideen durch den Kopf und darunter doch keine brauchbare, wie deren Aufmerksamkeit vom Kinde weg auf Anderes gelenkt werden könnte. Er überblickt die Regale – Erziehungswissenschaft, Allgemeine Didaktik, Fachdidaktik. Wie damit Aufmerksamkeit erregen? Soll er mit ein paar pädagogischen Handbüchern auf sie zu stürzen, ihnen mit ausführlichen Erläuterungen der verschiedenen Register drohen und sie so zum Abwenden, wenn nicht zur Flucht veranlassen? Doch er weiß schon, bevor er ihn zuende gedacht hat, daß das ein alberner Gedanke ist. Das Unheil ist nicht aufzuhalten. Und er meint, lesen zu können, was in seiner nächsten dienstlichen Beurteilung geschrieben sein wird: „Dienstpflicht verletzt“ und „Geburt im Lesesaal zugelassen“ und dann „zur Beförderung nicht geeignet“. Er steht nur noch da und wartet. Der Präsident grüßt den Bibliothekar mit einem kurzen Kopfnicken. Dann ist es geschehen. Die ausländische Delegation hat das Kind entdeckt.

Die Herren sind ganz aus dem Häuschen. Sie lachen. Sie knien nieder, beugen sich über den Neugeborenen, kraulen ihm den Bauch und die Wangen. Immer wieder gratulieren sie der Mutter und dem vermeintlichen Vater. Der gibt seinen Widerspruch auf und findet sich in die neue Rolle hinein; wie stolz blickt er auf das Kindlein nieder, auch die Mutter scheint ihm nun zu gefallen. Dann kramen die Herren ganz verlegen in ihren Taschen, sehen sich an, suchen weiter. Der eine legt schließlich sein goldenes Feuerzeug neben das Kind, der andere packt seine Armbanduhr dazu, der dritte schließlich entnimmt seiner Brieftasche ein paar Geldscheine und schiebt sie unter die anderen Geschenke. Und wieder tritt der Chor der Bibliothekarinnen aus den Regalen und läßt sein lautes „Hoseanna“ hören. Der Präsident flüstert den Herren etwas zu, sie erheben sich wieder und folgen ihm weiter durch die Bibliothek, nicht ohne noch das eine oder andere Mal zurückzublicken.

Nichts besinnlicheres kann ich mir, wie bereits gesagt, vorstellen als die Tage kurz vor Weihnachten in einer Bibliothek.