bibliothekar.de

Weihnachten in der Bibliothek (1994)

von Rainer Pörzgen

Weihnachten gilt als die Zeit, in der Menschen sich Gefühle erlauben. Das Fest der Liebe! Sie erinnern sich daran, daß sie Eltern und manchmal auch Kinder haben, und verbringen die Feiertage damit, gemeinsam mit ihnen zu essen, zu trinken und fernzusehen … oder aber: zu bedauern, daß sie nicht mit ihnen gemeinsam essen, trinken und fernsehen können. Manchmal nämlich sind Eltern schon tot oder Kinder undankbar oder umgekehrt. Darunter leiden dann die Gefühle. Aber insgesamt ist Weihnachten schon ein sehr freudvolles Fest. Bibliothekare machen da keine Ausnahme. Man kann sie in den hintersten Winkeln ihrer Bibliotheken finden, zwischen Regalen oder Katalogkästen, mit leicht unterspülten Augen und lametta-ähnlichen Fäden unter der Nase: „Ihr alle, die Ihr kommt in unsere Bibliotheken, es sei Euch vergeben, daß Ihr unsere Bücher befleckt oder beschädigt oder gar zu stehlen versucht, daß Ihr in diesen heiligen Hallen schwatzt oder eßt oder trinkt. Wir vergeben Euch Eure Frechheit und Eure Dummheit. Ja, wir lieben Euch. Fröhliche Weihnachten!“ Und schwer gewordene Bibliothekarsherzen bumpern etwas schneller als sonst und das Blut durchströmt die trocken knisternden Adern.

An seinem Schreibtisch saß in solcher Zeit ein älterer Bibliotheksbeamter und überließ sich seinen Erinnerungen. Seine Gedanken gingen zu seinem Vorgänger. Dieses überaus tüchtigen Mannes Leben wie Tod waren eng mit der Bibliothek verwoben gewesen. Man hatte ihn gefunden – eines Tages – in einem der hinteren Magazine, vertrocknet, überpudert von Bücherstaub. Es war nicht festzustellen gewesen, wie lange er dort wohl schon gelegen hatte. In seinen Händen noch der Radiergummi, mit dem er begonnen hatte, eine mit Bleistiftstrichen beschmutzte kostbare Erstausgabe zu reinigen. Dabei hatte ihn der Tod ereilt. Welch ein Tod! In diesen Hallen des Geistes von uns zu gehen! Einen Augenblick lang war des Bibliothekars Herz nicht frei von Neid.

Weihnachten war’s. Und ein Gefühl von Gebenwollen durchströmte diesen Bibliotheksbeamten: „Habt Anteil an dem großen Schicksal, Ihr Menschen! Kommt in die Bibliothek! Laßt uns dieses Menschen gedenken! Wir öffnen Euch unsere Herzen und auch unsere Magazine.“ Nicht länger hielt es ihn auf seinem Stuhl. Hinaus aus seinem Arbeitszimmer lief er. Zu den Lesesälen eilte er, die Menschen dort einzuladen, Weihnachten in der Bibliothek zu verbringen. In jenem hinteren Magazin. In stillem Gedenken an jenen großen Mann. Er sprach diesen an, dann jenen, die Frau über den alten Folianten wie den Mann bei den Wörterbüchern, er lud ein, er bat, er forderte auf. Dabei schwenkte er einen großen Schlüssel, verhieß Zugang zum Paradies, zu den heiligen Hallen voller Bücher. Was dann geschah, hatte er jedoch nicht erwartet gehabt. Er begriff es zunächst auch nicht. Sie lachten. Er stand, den Schlüssel in der noch erhobenen Hand, inmitten lachender Menschen. Er ließ die Hand sinken. Zurückgewiesen. Diese Menschen wollten sein Weihnachtsgeschenk nicht haben. Er sackte ein wenig in sich zusammen und ging in sein Büro zurück. „Was habe ich auch von Menschen erwartet, die Buchseiten knicken, die in Büchern unterstreichen, hineinschreiben. Was glaubte ich, von solchen Barbaren erwarten zu können …“

Als er wieder hinter seinem Schreibtisch saß, rief er sich ins Gedächtnis, daß Feiertage immer auch – nein: zuallererst! – Tage sind, an denen die Bücher der Bibliotheken ganz allein den Bibliothekaren gehören. Er sah sie vor sich, Rücken neben Rücken im Regal, von keinem unwürdigen Blick entweiht, von keiner schmutzigen Hand begrabbelt. Nur er fuhr mit den Fingern darüber hin, ganz sanft, zärtlich gar. Wie ein Schmetterling von Blume zu Blume wandte er sich hierhin und dorthin, er schwebte zwischen den Regalen, nippte bei den Philologien, bei der Theologie dann, flog weiter. Er berührte hier einen Lederrücken, strich dort über Leinen. Es war ein Fest, das Fest der Liebe, Weihnachten. Ein Klopfen an der Tür holte ihn wieder an seinen Schreibtisch zurück. Ein Seufzen entstieg seiner Brust, in ihm wuchs ein Sehnen. Und er nahm sich vor, sich über die Feiertage in der Bibliothek einschließen zu lassen.