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Weihnachten virtuell (1996)

Als ich daran ging, eine Weihnachtsgeschichte zu erfinden, und meinen Gedanken nachhing über die Zeit, in der wir leben, darüber auch, was eine ihr angemessene Weihnachtsgeschichte sein könnte, fingierte ich eher beiläufig als Ausgangspunkt einer möglichen Geschichte eine Adresse im WorldWideWeb für den Weihnachtsmann – http://www.heaven.org/~xmas/santa-claus.html. Ich stellte mir vor, daß vielleicht der Weihnachtsmann samt Schlitten und Rentier verlorengegangen sein könnte und die Kinder deshalb vergeblich auf ihre Geschenke warteten. Weihnachten wäre dann noch als virtuelles Event möglich. Cyberspace statt Leben sozusagen! Doch so recht wollte sich daraus keine Geschichte spinnen lassen. Ich legte meine Notizen beiseite.

In der nieselgrauen Vorweihnachtszeit neige ich zur Melancholie. Von alkoholischen Getränken wird mir übel. Also flüchte ich ins Internet. Man nennt das Surfen. Es ist eher wie Autofahren im Berufsverkehr. Stop and Go. Aber ich habe Zeit. Mit halbgeschlossenen Augen hänge ich im Sessel, gerade so aufrecht, daß ich die Tastatur erreichen kann, und harre der Dinge, die da kommen. Ich schau hier mal rein und dort mal rein, springe von Link zu Link, chatte mit fremden Menschen. Belanglosigkeiten vielleicht, aber über Kontinente hinweg. Die Zeit geht dahin in angenehm tätigen Nichtstun. Eines Abends, während einer solchen Internet-Session, erinnerte ich mich der fingierten Weihnachtsmann-Adresse und, ich weiß nicht, welcher Eingebung folgend, tippte sie ein und schickte sie ab. Ich erinnere mich nicht mehr, was ich erwartet hatte, sicher etwas wie „unable to locate the server www.heaven.org“. Doch etwas Unerwartetes geschah: nach dem üblichen „looking up host“ dann „connecting host“ und schließlich „transferring data“ … auf dem Bildschirm erschien langsam, sozusagen byte für byte, eine Homepage, verziert mit Sternchen und Stechpalmenzweigen. Dazu war ein rhythmisches Klingeln zu hören, das entfernt an „Jingle Bells“ erinnerte.

Der Weihnachtsmann hat eine Homepage!

Ich rutschte in meinem Sessel hoch und starrte, halb verwirrt, halb begeistert, auf den Bildschirm. Das linke Drittel war ausgefüllt von einem Bild, das den alten Herrn mit weißem Bart und rotem Mantel zeigte. Nicht etwa statisch, nein, bewegt: mal milde lächelnd, mal mit einer Rute drohend, immer abwechselnd. Ich schaute ihm dabei eine ganze Weile zu. Bei jedem Lächeln erschien seitlich über ihm eine Sprechblase mit den Worten „Merry Christmas and a Happy New Year“. Bald wollte es mir scheinen, daß er die Lippen dazu bewegte. Ich konnte es jedoch nicht genau erkennen, so sehr ich mich auch bemühte. Kaum begann er zu lächeln, starrte ich auf seinen Mund. Doch jedesmal, wenn ich eine Bewegung zu erkennen glaubte, erstarrte sein Mund wieder, und die Sprechblase verschwand. Sein Arm hob sich und schwenkte die Rute hin und her.

Neben dem Bild, in einer Reihe von oben nach unten, befanden sich kleine Glöckchen. Ich führte den Cursor auf das erste von oben, neben dem geschrieben stand: „The Xmas Mall“. Ich klickte zweimal mit der Maustaste, das Glöckchen klingelte einmal kurz, und auf dem Bildschirm erschien das Inhaltsverzeichnis eines Warenhauskataloges. Kleidung, Schmuck, Geschirr, Spielsachen … so gut wie alles konnte man dort bestellen. Und so einfach! Ein Doppelklick auf die Bestellnummer beförderte diese in eine rote Sternschnuppe rechts oben, die Bestätigung mit Return speicherte die Bestellung ab. Beim Verlassen des Kataloges wurden die gespeicherten Bestellungen automatisch in ein Bestellformular übertragen, in dem lediglich noch einzutragen war, mit welcher Kreditkarte ich zu bezahlen wünschte, und wohin die Waren geliefert werden sollten.

Sehr hilfreich war mir dabei eine Memory-Funktion. Ich konnte zu Beginn der Katalog-Recherche eingeben, wer beschenkt werden sollte. Vorgaben des Systems wie „Mum“ oder „Dad“ erleichterten die Zusammenstellung. Per Mausklick stellte ich eine kurze Liste mit sechs Personen zusammen. Als ich dann nach Durchblättern des Kataloges nur fünf Geschenke ausgesucht hatte, blinkte ein Warnsignal auf. In einem gelben Stern mitten auf dem Bildschirm die Erinnerung: „Haven“t you forgotten one of your sweethearts?“. Da ich mir die Mühe gemacht hatte, die ausgesuchten Geschenke gleich Personen meiner Liste zuzuordnen, erhielt ich nach der Bestätigung mit Return sogar die konkrete Mitteilung „You“ve forgotten your mum!“, wozu der Weihnachtsmann des Eröffnungsbildschirm in verkleinerter Darstellung zu sehen war, der diesmal aber nicht lächelte, sondern nur unentwegt mit der Rute drohte.

Ein Doppelklick auf ein kleines Knusperhäuschen brachte mich auf die Homepage zurück. Immer noch lächelte dort der Weihnachtsmann, dann wieder schwenkte er seine Rute. Ich wollte ein anderes Glöckchen ausprobieren. Ich wählte das, neben dem geschrieben stand: „Sweet Xmas Angels“. Seit meiner Kindheit bin ich von Engeln fasziniert. Sie waren, ja, sind mir noch Zeichen, daß es eine höhere Macht gibt, die für mich sorgt, die auf mich aufpaßt. Ich empfinde mich dabei nicht als besonders wichtig. Ich kann mir deshalb auch nicht vorstellen, daß mein Wohlergehen, wie soll ich sagen, „Chefsache“ sein könnte. Nein, dafür sind Engel zuständig. Also war ich sehr gespannt, was ich nun zu sehen bekommen würde. Bereitwillig gab ich auch die Nummer meiner Kreditkarte ein. Es dauerte dann lange, sehr lange – bis ich eine blonde Frau erblickte, die sich lediglich mit einer Weihnachtsmannmütze bekleidet auf einem Eisbärfell ausstreckte; im Hintergrund war ein geschmückter Tannenbaum zu sehen. Das entsprach nun überhaupt nicht meinen Erwartungen. Ich klickte mehrfach auf den More-Button; doch immer wieder erschienen auf dem Bildschirm Nackte, meist in Räkelposen, einmal sogar als nur mit ein paar Lamettasträhnen und Christbaumkugeln behängte Tänzerin. Bevor ich zur Homepage zurückkehren konnte, bekam ich noch einen „Status of Account“ angezeigt, der für mich zehn Dollar für die online-Anzeige von vier Bildern auswies und eine zügige Abrechnung über meine Kreditkarte ankündigte.

Weiter wollte ich. Hinaus ins World-Wide-Web, ins wunderbare Cyberspace. Zu vieles gibt es noch zu entdecken, als daß ich mich stundenlang an einer Stelle aufhalten möchte. Action, Events – das ist es, das bringt“s. Doch bevor ich die Homepage des Weihnachtsmannes wieder verließ, führte ich den Cursor noch auf ein drittes Glöckchen. Robin Williams sollte die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Den finde ich total abgefahren. Ich habe alle Filme mit ihm gesehen. Die Geschichte mußte ich mir deshalb einfach anhören. Auf einem Bild war dann der Schauspieler in einem weihnachtlich geschmückten Zimmer zu sehen, auf einem Sofa, umringt von Kindern verschiedener Hautfarbe. In Händen hielt er ein großes Buch, vermutlich eine Bibel, in das er nicht hineinblickte, nein, unentwegt sah er mich an, während er mit seiner angenehmen Stimme von der Geburt des Herrn kündete: „In those days a decree was issued by the Emperor Augustus…“. Er kam bis zu der Stelle „Glory to God in highest heaven and on earth…“, und genau an dieser Stelle passierte etwas seltsames. Das Programm blieb hängen. Robin Williams wiederholte immer wieder „… and on earth … krrr …and on earth … krrr … and on earth …. krrr…“. Es sah so aus, als spränge sein Mund immer wieder um diese drei Wörter zurück, um sie sofort wieder auszusprechen, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor. Ich machte einen Doppelklick auf das Knusperhäuschen, um zur Homepage zurückzukommen. Nichts geschah. Zunächst nichts! Erst nach mehreren Doppelklicks erschien der Weihnachtsmann. Er schwenkte abwechselnd die Rute und die Sprechblase. Darin war zu lesen: „krrr Christmas krrr Christmas krrr Christmas“. Der Schauspieler sah mir in die Augen und sagte: „… and on earth … krrr … and on earth … krrr“. Ich wußte mir keinen anderen Rat mehr, als die Escape-Taste zu drücken. Nichts wie weg. Doch stattdessen erschienen nun die vier süßen Weihnachtsengel. Sie streiften das wenige ab, das sie kleidete, und stürzten sich auf den Weihnachtsmann und Robin Williams. Das Sofa kippte hintenüber, der Weihnachtsbaum fiel darüber. Nur noch die Kinder waren zu sehen. Sie standen ratlos herum. Da trat einer vor und fuhr in der Weihnachtsgeschichte fort: „… for men on whom his favour rests“. Da wurde der Bildschirm schwarz. Mein Computer war abgestürzt.

Was war mir widerfahren? Sollte ich mich darüber wundern? Eher nicht. Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, daß mein Ansatz „Cyberspace statt Leben“ falsch war. Darauf läßt sich keine Geschichte aufbauen. Ein solcher Widerspruch ist konstruiert. Den gibt es gar nicht. Denn genau betrachtet, war Weihnachten schon immer ein virtuelles Fest. Oder glaubt hier jemand tatsächlich an den Weihnachtsmann?