| Das Lächeln des Engels (2000) |
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| Geschrieben von Rainer Pörzgen | |
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Der Bibliothekar verließ den Auskunftsplatz, diesen geschützten Raum, wie er ihn oft empfand, hinter der hohen Barriere, um in den Lesesälen nach dem Rechten zu sehen. Er machte diese Rundgänge sehr gewissenhaft, wenn auch keineswegs gern. Im Grunde träumte er von offenen Bibliotheken, in denen verantwortungsvolle Menschen rücksichtsvoll miteinander umgehen und deshalb keiner Aufsicht bedürfen. An diese Utopie hatte er früher geglaubt, doch bitter erfahren, daß sie für lange Zeit noch ein Traum bleiben würde. Bibliotheksbenutzer, vor allem Studenten, waren noch nicht so weit, sie hatten weder Achtung vor Büchern, die ihnen nicht gehörten, noch vor Menschen, die darin arbeiten mußten. Laut waren sie und zerstörerisch, sie bedurften einer gewissen Strenge, die ihnen Eltern und Lehrer offensichtlich vorenthalten hatten. Also verließ er wieder einmal seinen Platz, um durch die Lesesäle zu laufen - wie immer mit der festen Absicht, Verstöße gegen die Benutzungsordnung freundlich, aber bestimmt zu ahnden, vor allem aber mit der stillen, schon oft enttäuschten Hoffnung, diesmal keine Thermoskannen mit Kaffee oder Tee, keine Schokoriegel und vor allem keine Handys zu entdecken, auch keine schwatzenden Studentinnen anzutreffen, sondern nur still herumzugehen, vielleicht etwas gefragt zu werden, um dann helfen zu können. Der Bibliothekar war erst wenige Schritte gegangen, als ihm eine Veränderung des Lichtes auffiel. Das kalte weiße Strahlen der Leuchten wechselte, so schien es ihm, in ein angenehmes Licht, das ihn wohltuend umfloß, das ihn umhüllte wie ein weicher warmer goldener Mantel. Geräusche drangen nur noch gedämpft zu ihm durch. Jenes Schwätzen am Katalog, das seine Schritte in diese Richtung gelenkt hatte, war nur noch als leises Murmeln zu vernehmen, wie von sehr weit her, ein sanftes Säuseln fast ... nein, das war nicht das störende Reden, das er hatte unterbinden wollen, das war ein Raunen wie aus einer anderen Welt, das waren sphärische Klänge, wie er sie noch nie zuvor vernommen hatte. Er bemerkte nun, daß das ihn umhüllende warme Licht von oben auf ihn herabgeflossen kam, und zugleich war ihm, als höbe dieses Licht ihn empor. Es gab keine Decke mehr, der Beton hatte sich samt Armierung aufgelöst, darüber war der Himmel aufgebrochen, und in einem Strahl goldenen Lichtes schwebte er empor. Ein blondes Engelchen blickte ihn an. Dieses erinnerte ihn an eine Studentin, die ihm schon oft bei seinen Rundgängen ein Lächeln geschenkt hatte. Es streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff die Hand, und das blonde Engelchen zog ihn immer weiter hinauf. Der Bibliothekar in seiner Verlegenheit wußte nichts Besseres zu sagen als: "Und ich dachte, Dich gibt es gar nicht ... Dich? ... oder soll ich Sie sagen?" Der Weihnachtsmann ignorierte diese Worte. Er zog eine Brille aus der Manteltasche, setzte sie auf und schlug sein goldenes Buch auf, blätterte darin, suchte offensichtlich etwas, das er schließlich fand. Er blickte den Bibliothekar über den oberen Rand seiner Brille an. Als der Bibliothekar die Augen aufschlug, lag er nur wenige Schritte vom Auskunftsplatz entfernt. Um ihn herum standen Leute, neben ihm aber kniete die blonde Studentin. Sie bemerkte, daß er wieder zu sich gekommen war. "Sie waren wohl ohnmächtig", sagte sie zu ihm und blickte ihn besorgt an. Sie sah hinreißend aus. Schon wollte er sie fragen, ob sie an den Feiertagen etwas vor hätte. Da lächelte sie wieder. Und der Bibliothekar brachte kein Wort heraus. |
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