| Wissenschaftliches E-Publizieren - Dr. Klaus Graf |
|
|
| Geschrieben von Dr. Klaus Graf | |
|
Klaus Graf Wissenschaftliches E-Publizieren - Initiativen und Widerstände Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung "Faszination Internet" am 10.7.2003 RWTH Aachen [Kommentare sind fuer eine ins Auge gefasste Publikation in einem E-Journal willkommen!] Vor wenigen Tagen lief in populären Formaten desUS-Fernsehens wie der Letterman-Show oder den Simpsons der Werbespot der "Public Library of Science", einer Nonprofit-Organisation, die für eine kostenfreie Zugänglichkeit aller naturwissenschaftlichen Fachartikel im Internet kämpft. Im Oktober soll das erste E-Journal PLoS Biology herauskommen, das verspricht, die gleichen hohen Qualitätsanforderungen zu stellen wie die führenden kommerziellen naturwissenschaftlichen Zeitschriften Nature und Science. Vor kurzem interviewte die ZEIT den Mitgründer der Public Library of Science, den Nobelpreisträger und Krebsforscher Harold Varmus. Sein Credo: "Früher waren die Zeitschriften auf die traditionelle Art des Publizierens angewiesen. Das heißt: Artikel von Autoren einholen, Drucken auf Papier, Abonnements verkaufen. Heute birgt das Internet das Potenzial, die wissenschaftliche Literatur viel breiter zugänglich zu machen - für die Wissenschaftler und für die Öffentlichkeit -, indem man digitale Bibliotheken errichtet. Der größte Teil der Wissenschaft wird durch Steuern finanziert. Deshalb sind wir der festen Überzeugung, dass die Publikationen allen zugänglich sein sollten". Bekannt geworden war die Organisation durch einen Boykottaufruf gegen die wissenschaftlichen Verlage, die so gezwungen werden sollten, die Inhalte ihrer Zeitschriften online kostenfrei zugänglich zu machen. Das Scheitern dieser Initiative hat die Aktivisten nicht entmutigt. Sie konnten erhebliche Stiftungsgelder für ihre Ziele einwerben und wurden in den letzten Tagen durch eine Gesetzesinitiative in den USA, die "Sabo Bill" unterstützt, die zugleich die öffentliche Aufmerksamkeit sicherte. Der demokratische Abgeordnete Sabo fordert, daß alle von öffentlichen Geldern finanzierte Forschung keinem Copyright unterliegen dürfe. Dies verweist auf eine zweite Bewegung, in den USA dank der Unterstützung etablierter Bürgerrechtsorganisationen bereits recht einflußreich: die Anti-Copyright-Bewegung, die den alten Wein des geistigen Eigentums nicht mehr in die neuen digitalen Schläuche einfüllen will und nach neuen Wegen sucht, um den Bereich der öffentlich frei zugänglichen Werke, die "Public Domain" zu stärken. Diese Bewegung wird angeführt von einem unbestrittenen Star: dem Harvard-Juristen Lawrence Lessig, der unlängst einen bemerkenswerten Reformvorschlag zum Urheberrecht unterbreitet hat. Rechteinhaber sollen nach fünfzig Jahren eine jährliche Gebühr für das Fortbestehen des Schutzes bezahlen - tun sie das nicht, soll das Werk in die Public Domain übergehen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, daß viele geschützte ältere Werke durch das Desinteresse der Rechteinhaber nicht genutzt werden können. Mit seiner Initiative "Creative Commons" hat Lessig einen juristischen Rahmen für die immer größer werdende Zahl jener entwickelt, die auf ihr Copyright oder bestimmte Teile ihres Copyrights zugunsten der Allgemeinheit verzichten möchten. Inspiriert ist die OpenContent-Bewegung natürlich vom Siegeszug der OpenSoftware, die man ja vor allem mit dem Namen des freien Betriebssystems LINUX verbindet. Das englische Schlagwort Commons verweist zurück auf die vormoderne Agrarverfassung, in der das gemeinschaftlich genutzte Land respektablen Umfang besaß. In Deutschland lautet der entsprechende historische Terminus "Allmende", weshalb man gelegentlich auch von der Forderung nach einer "digitalen Allmende" lesen kann. Ein innovatives Modell gemeinschaftlicher Wissensorganisation ist das sogenannte Wiki-Prinzip. Am bekanntesten ist die Wikipedia, eine internationale Enzyklopädie als Kollektivwerk, an der jeder mitarbeiten kann. Mittels eines simplen webbasierten Eingabemodus eingebrachte Beiträge können von anderen nach Belieben ergänzt, verändert oder sogar, wenn es sich um Mist handelt, gelöscht werden. Zwar ist der wissenschaftliche Wert der Wikipedia noch sehr zurückhaltend zu beurteilen, doch dürfte das Wiki-Prinzip auch im wissenschaftlichen Kontext große Bedeutung erlangen. Vernetzt sind die diversen englischsprachigen Initiativen durch eine kaum überschaubare Vielzahl von elektronischen Foren: Weblogs, Mailinglisten, Diskussionsforen, Websites. Neuigkeiten werden in dieser Community sehr rasch verbreitet - nicht zuletzt durch die verhältnismäßig junge Gattung des Weblog, eines Neuigkeitendienstes, der beispielsweise im englischsprachigen Bibliotheksbereich bereits fest Fuß gefaßt hat. Hier kommt Peter Suber ins Spiel, der vielleicht einflußreichste Geisteswissenschaftler des weltweiten "Open Access Movement". Tag für Tag notiert Suber, der bis vor kurzem Philosophieprofessor am Earlham-College in Richmond war, in seinem Weblog neue Presseartikel und andere News, die mit der freien Zugänglichkeit wissenschaftlicher Fachliteratur in Verbindung stehen. Vor einigen Tagen hat sich der Name des Weblogs, das bisher FOS-News hieß - FOS steht für Free Online Scholarship - geändert in Open Access News. Suber kann sich jetzt - nicht zuletzt dank der Finanzierung der Nonprofit-Organisation "Public Knowledge" - beruflich ganz der Verbreitung des Open-Acess-Gedankens widmen. Bevor er das Weblog gründete, verbreitete er die Neuigkeiten in einem wöchentlichen Mail-Newsletter, der dieser Tage von ihm wiederbelebt wurde. Träger ist SPARC, "The Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition", hinter der der mächtige Verbund amerikanischer Research-Libraries steht. Es gibt auch ein SPARC Europa, in dem aus Deutschland aber nur fünf Bibliotheken Mitglieder sind. Gründungsmitglieder waren die Universitätsbibliotheken Göttingen, Oldenburg und Münster. Später kamen noch die UB Bielefeld und die Bayerische Staatsbibliothek dazu. Breiter angelegt ist die Budapest Open Access Initiative, die maßgeblich von der Soros-Stiftung finanziert wird und die sich an alle Wissenschaftler weltweit wendet. Jeder und jede kann durch Unterzeichnen des Budapester Manifests das Ziel der freien Zugänglichkeit wissenschaftlicher Zeitschriftenliteratur unterstützen. Die BOAI ruht auf zwei Säulen: Erstens sollen alternative E-Journals etabliert werden, die durch Peer Review hohen Ansprüchen genügen, für den Internetnutzer lizenzfrei zugänglich sind und deren Finanzierung durch andere Modelle, beispielsweise Beiträge der Institutionen, deren Wissenschaftler in ihnen veröffentlichen, sichergestellt wird. Zweitens soll das Self-Archiving gefördert werden, bei dem Wissenschaftler ihre Zeitschriftenbeiträge in institutionelle Archive, etwa Hochschulschriftenserver, einbringen. Beides richtet sich nicht gegen die bestehenden kommerziellen Verlagsunternehmungen und respektiert das geltende Urheberrecht. Für solche Archive gibt es vereinbarte Datenstandards, die von der Open Archives Initiative festgelegt wurden und weiterentwickelt werden. Dies ermöglicht eine archivübergreifende Abfrage von Meta-Daten der eingestellten Veröffentlichungen. Das Open im Namen dieser Initiative bedeutet freilich etwas anderes als in Open Access, da an ihr auch kommerzielle Verlagsarchive, die ihre Inhalte nicht kostenfrei zur Verfügung stellen, partizipieren. Zur Open-Access-Bewegung gehört dagegen das Eprints-Movement, das mit einer freie Software, die OAI-compliant ist, die Einrichtung von Eprint-Servern weltweit unterstützt. In Deutschland hat die Budapest Open Access Initiative bislang nur wenig Rückhalt. Es gibt nur ganz wenige Aktivisten und nur eine Handvoll institutioneller Unterzeichner: die Universität Hamburg, vier Universitätsbibliotheken, das Münchner Seminar für Geistesgeschichte und - am rührigsten von allen - das Berliner Zentrum für qualitative Sozialforschung. Natürlich gibt es auch in Deutschland eine Reihe von mehr oder minder einflußreichen Initiativen, die sich der Förderung des wissenschaftlichen Publizierens im Internet verschrieben haben. Ein Bündnis von Bibliotheken und Fachgesellschaften steht DINI, die Deutsche Initiative für Netzwerkinformation dar. Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften - vorwiegend Natur- und Gesellschaftswissenschaften - ihrerseits sind in der IuK-Initiative zusammengeschlossen. Und es gibt natürlich auch Unternehmungen außerhalb solcher Kontexte wie das maßgeblich von Gudrun Gersmann geprägte Historicum.net, das eine frei zugängliche E-Zeitschrift Zeitenblicke mit Themenheften herausbringt und mit den Sehepunkten seit längerem ein sehr erfolgreiches Rezensions-Journal anbietet. Aus diesem knappen Überblick lassen sich zwei Schlußfolgerungen ziehen:
Weltweit gibt es zwar eine Vielzahl von Initiativen, aber die 2001 gestartete Budapest Open Access Initiative ist doch so etwas wie eine gemeinsame Plattform, die ich - in Anbetracht der kurzen Zeit ihres Bestehens - als durchaus erfolgreiche Integrationsanstrengung bezeichnen möchte. Ihr Erfolg beruht nicht zuletzt auf ihrer Konsensfähigkeit - sie richtet sich nicht gegen Bestehendes, sondern propagiert einen alternativen Weg - und einer Bündelung des Problems des wissenschaftlichen E-Publizierens, das ganz auf die Frage der Zeitschriftenliteratur reduziert wird. Ich möchte im folgenden dieses Bündel wieder aufschnüren, indem ich auch andere Problembereiche als die Zeitschriften in den Blick nehme. Tiefere Ursache der genannten Protest-Bewegungen ist die Krise der wissenschaftlichen Literatur, am schockierendsten greifbar in der Entwicklung der naturwissenschaftlichen Zeitschriftenpreise. Nochmals der Nobelpreisträger Varmus: "Das wissenschaftliche Veröffentlichungswesen läuft Amok, der ganze Prozess ist völlig verzerrt. Es gibt Journals, nicht mal besonders gute, die verlangen für ein institutionelles Abonnement bis zu 15 000 Dollar pro Jahr - das ist irrational, denn es behindert den Austausch von Information zwischen den Forschern". Nun sind geisteswissenschaftliche Zeitschriften im Vergleich zu naturwissenschaftlichen noch einigermaßen erschwinglich. Aber der Wurm sitzt trotzdem tief im System und zwar nicht nur im Zeitschriftenbereich. Ich will dies am Beispiel eines Projektsammelbands demonstrieren, der mit öffentlichen Mitteln vierfach subventioniert wird. Zunächst einmal zahlt der Steuerzahler die Arbeitslöhne der beteiligten Wissenschaftler des Projekts und ihre Recherchekosten in Form von Sachmitteln. Er finanziert eine Tagung mit auswärtigen Experten, die natürlich in der Regel ebenfalls öffentlich alimentiert werden, also Reise- und Aufenthaltskosten. Für die Erstellung der Aufsätze für den Tagungsband erhalten die Autoren keinen Cent Honorar, sie müssen sich üblicherweise mit einem Freiexemplar des Bandes und vielleicht 15 bis 20 Sonderdrucken ihres Beitrags begnügen. Nun treffen die Manuskripte ein. Die zweite Subventionierung besteht darin, daß die gesamte Redaktionsarbeit - insbesondere das zeitaufwendige Vereinheitlichen der Zitierweisen und die einheitliche Formatierung des Bandes - in den Händen von Hilfskräften und weiterem Personal des Lehrstuhls einschließlich der Sekretärin liegt. Die fertige Diskette wandert zum Verlag, der natürlich kein weiteres Lektorat vornimmt, sondern die Verfilmung und den Produktionsprozess einleitet. Bevor aber die Druckmaschinen angeworfen werden können, gehen nicht selten Jahre ins Land, denn es müssen hohe Druckkostenzuschüsse beigebracht werden. Der Verlag hat einen Mindestabsatz kalkuliert und möchte für die Differenz zu den Herstellungskosten kein unternehmerisches Risiko tragen. Der Herausgeber begibt sich also auf eine derzeit immer schwieriger werdende Betteltour zu öffentlichen Geldgebern und Stiftungen, wobei Institutionen wie die DFG darauf achten, daß die Zuschüsse nicht dazu verwendet werden, den Band erschwinglicher zu machen. Das ist die dritte Subventionierung. Nun ist der Band auf dem Markt und kostet 150 Euro, was den Kreis der privaten Käufer erheblich einengt. Es greifen also vor allem wissenschaftliche Bibliotheken des deutschsprachigen Raums zu, deren immer geringer werdende Ankaufsmittel von der öffentlichen Hand aufgebracht werden. Das ist die vierte Subventionierung. Sieht man von dem immateriellen Gewinn der Wissenschaftler ab, die eine ansehnliche Publikation ihrer Veröffentlichungsliste hinzufügen und Sonderdrucke verschicken können, so profitiert letztlich nur der Verlag. Der Staat kauft seine eigenen Forschungsergebnisse sozusagen zurück. Die extremen Rationalitätsgewinne durch EDV-gestützte Druckherstellung wurden von den wissenschaftlichen Verlagen nicht an das Publikum weitergegeben. Die Bücher wurden durchaus nicht billiger, obwohl heute jeder Autor dank seines Textverarbeitungsprogramms zugleich sein eigener Setzer ist. Von einem Lektorat kann auf Verlagsseite ohnehin meist keine Rede mehr sein. Der Verlag sorgt für den Druck, die Lagerung und den Vertrieb der Bücher, er macht günstigenfalls ein bißchen Werbung und verschickt ein paar Rezensionsexemplare, wobei es durchaus vorkommt, daß Zeitschriften leer ausgehen, weil das dafür vorgesehene Limit überschritten ist. Es leuchtet unmittelbar ein, daß bei einer digitalen Distribution unseres Beispielbandes die öffentliche Hand große Summen einsparen könnte. Sie zahlt weiterhin die Wissenschaftler und die Hilfskräfte - nur daß letztere ihre Redaktionsarbeit darauf konzentrieren, PDFs für den eigenen Schriftenserver der Hochschule zu erstellen. Wer eine gedruckte Ausgabe möchte, kann sie sich selbst ausdrucken oder eine Firma mit der Herstellung eines Exemplars im Print-on-Demand-Verfahren beauftragen. Im digitalen Medium können auch Bilder oder multimediale Materialien kostengünstiger integriert werden. Nach der digitalen Veröffentlichung steht der Band weltweit allen Internetnutzern zur Verfügung, die des Deutschen mächtig sind - also beispielsweise Forschern aus den Staaten der Dritten Welt, deren Bibliotheken sich teure Fachbücher kaum leisten können, aber auch interessierten Bürgerinnen und Bürgern. Die mitunter beträchtlichen Wartezeiten zwischen Manuskriptablieferung und Publikation, für Autoren in sich rasch entwickelnden Fachgebieten besonders ärgerlich, schrumpfen zusammen, soweit sie im Verantwortungsbereich des Verlags angesiedelt waren. Meist können nur wenige Bände einer Reihe in einem Jahr erscheinen, und wenn der Verlag generös eigene Gelder zuschießt, gilt dies besonders. Bei sofortiger Publikation auf einem Server entfällt zumindest dieses Warten - gegen den üblichen Lehrstuhl-Schlendrian ist natürlich kein digitales Kraut gewachsen. Im naturwissenschaftlichen Bereich kommen Kosten für das aufwendige Begutachtungsverfahren (Peer Review) hinzu. Nach meiner Erfahrung empfiehlt sich eine Übertragung dieses Procedere auf die Geisteswissenschaften keineswegs. Peer Review ist ein Schlagwort, das zumindest auf unserem Feld nicht die Bedeutung hat, die ihnen von vielen Open-Access-Aktivisten zugemessen wird. Was ist mit dem digitalen Äquivalent zur Lagerung der Exemplare durch den Verlag? Ich möchte nicht um den heissen Brei herumreden: die Langzeitarchivierung digitaler Daten stellt ein Problem dar. Während Tontafeln mit Keilschrift Jahrtausende gehalten haben (sofern nicht gerade US-Panzer über sie gerollt sind), wird die Lebensdauer einer gewöhnlichen CD-ROM auf dreißig Jahre geschätzt. Digitale Daten von Internetservern müssen einer ständigen Datensicherung unterzogen werden, die sie der neuesten Technologie anpasst. Ich habe den Eindruck, daß sich die maßgeblichen Verantwortlichen großer digitaler Archive weltweit intensiv und erfolgreich mit dem Problem der Zukunftssicherheit befassen. Die Zukunft ist offen, ein Restrisiko bleibt immer. Zunehmender Dateiaustausch im wissenschaftlichen Bereich wird zudem für para-institutionelle Sicherungen sorgen. Auch wenn das Rechenzentrum in die Luft fliegt, wird man künftig mehr und mehr Inhalte von anderen Rechnern rekonstruieren können. Bereits bestehende Dateistandards wie ASCII oder Unicode, Formate wie PDF und zukunftsweisende Technologien wie XML bürgen bereits heute für ein gerüttelt Maß an Zukunftssicherheit. Nicht zu vergessen das Internetarchiv mit seiner genialen Wayback-Machine - eine weitergehende Institutionalisierung dieser privaten Initiative, die ihr langfristige Kontinuität sichern könnte, ist durchaus nicht ausgeschlossen. Und die Werbung? Hier liegt bei den Hochschulschriftenservern (wie übrigens auch bei manchen traditionellen Verlagen) allzuviel im argen. Ihre Inhalte sind meist kaum in den allgemeinen Suchmaschinen, die der durchschnittliche akademische Internetnutzer nun einmal als einziges Rechercheinstrument kennt, vertreten und damit so gut wie unbekannt. Fachliche Linksammlungen werten solche wissenschaftlich hochwertigen Quellen so gut wie nicht aus, dafür bastelt man gern die hundertste Liste der Homepages der historischen Seminare. Wir brauchen dringend eine serverübergreifende Volltextsuchmaschine für Hochschulschriftenserver und Digitalisierungsprojekte. Alle solche Archive müssen schleunigst OAI-compliant werden und über entsprechende Suchwerkzeuge wie OAIster recherchierbar sein. Neu eingestellte Arbeiten müssten über einen Neuigkeiten-Service wie einen Newsletter oder ein Weblog abfragbar sein und auch in die anderen fachlichen Kommunikationswege eingespeist werden. Wissenschaftliches Publizieren beschränkt sich aber nicht auf Monographien und Zeitschriftenartikel, die in unveränderlichen PDFs fixiert auf Hochschulschriftenservern lagern. Wer eine persönliche Homepage ins Netz stellen möchte, die fachlichen Ansprüchen genügt, und laufend aktualisierte Informationen wie Linklisten oder Bibliographien enthält, die sich für Hochschulschriftenserver nicht eignen, sollte kostenlosen werbefreien Webspace erhalten können, auch wenn er beispielsweise keine universitäre Anbindung hat. Und es geht natürlich auch um den ganzen Bereich der Materialien, die im Zuge der Forschung entstehen: quantitative und qualitative Daten und beispielsweise auch Fotografien. Hier müssen die wissenschaftlichen Institutionen in Zukunft klare Regelungen finden, damit solche Sammlungen nicht der privaten Willkür der beteiligten Forscher überlassen bleiben, sondern als digitaler Projektnachlass auch der zukünftigen Forschung zur Verfügung stehen. Was Magister- und Diplomarbeiten angeht, so wäre zu überlegen, ob nicht eine digitale Pflichtveröffentlichung aller akzeptierten Arbeiten dem derzeitigen meines Erachtens unhaltbaren Zustand, daß in solche Arbeiten investierte Forschungsarbeit der Wissenschaft meist verlorengeht, wirksam entgegenwirken könnte. Für den Historiker besonders bedeutsam sind Quellen. Der Editionstext neu angefertigter Quelleneditionen sollte nach Möglichkeit nicht nur auf CD-ROM beigegeben, sondern auch frei zugänglich im Internet plaziert werden, da nur so eine quellenübergreifende Suche gewährleistet ist. Hier anzuschliessen wäre der Problembereich der Digitalisierung älterer, insbesonderer vergriffener Forschungsliteratur, historischer Buch- und Handschriftenbestände sowie von Archivalien. Auf die vielfältigen, nicht selten nicht koordinierten und daher immer noch recht chaotisch wirkenden Bemühungen in dieser Hinsicht möchte ich jedoch nicht näher eingehen. Stattdessen will ich mich abschließend den Widerständen zuwenden. Warum ist nur ein winziger Bruchteil der aktuellen Forschungsliteratur im Bereich der Geisteswissenschaften online zugänglich? Hier spielen sicher viele Faktoren zusammen. Ich möchte sie in fünf Punkten zusammenfassen. 1. Eine gewisse allgemeine Internetscheu: Das Internet ist nach Überzeugung der Skeptiker a) überwiegend eine Müllhalde, b) nicht zitierfähig und c) wer weiss, wie lange die Publikation dort lesbar ist. Darauf brauche ich hier wohl nicht mehr detailliert einzugehen. 2. Das allgemeine Phlegma: zuviel Aufwand, keine Zeit. Eine Lösung könnte darin bestehen, daß man sich von Seiten des Eprint-Archivs die Datei übergeben lässt oder sich mit den Hilfskräften verständigt, die dann beispielsweise Seitenzahlen der gedruckten Fassung nachtragen müssten. Als Vorbild kann vielleicht das ambitionierte OpenCourse-Projekt des MIT dienen, das eine Fülle von Mitarbeitern beschäftigt, die sich bemühen, den Professoren, ohne daß diese nach Möglichkeit eigenen Aufwand haben, ihre Unterrichtsmaterialien zu entlocken, damit diese frei zugänglich ins Internet gestellt werden können. 3. Es lohnt sich nicht - das Internet ist nicht karrierefördernd Vor die Wahl gestellt, in einem angesehenen gedruckten Organ zu publizieren oder ausschließlich online, wird sich ein junger aufstrebender Wissenschaftler in aller Regel für das traditionelle Medium entscheiden - wer will es ihm verdenken? Eine Online-Zweitpublikation erscheint da schon eher machbar, aber dazu müssen insbesondere die Hochschulschriftenserver viel mehr auf die einzelnen Wissenschaftler zugehen, spezielle Vertrauensleute in den Gremien der einzelnen Fachbereiche installieren. So wenig ein Universitätsarchivar heute darauf warten darf, daß ihm Aktenabgaben ins Haus geliefert werden, so wenig dürfen die Verantwortlichen von Hochschulschriftenservern darauf verzichten, hochschulintern massiv für ihre Leistungen zu werben. Und warum nicht mit Anreizen arbeiten? Man könnte ja vielleicht einmal ausprobieren, einen beachtlichen Geldpreis für die beste Arbeit auf dem Hochschulschriftenserver auszusetzen. Denkbar wären auch leicht finanzierbare Honorierungen wie Buchpräsente oder Eintrittsakrten für den Alumni-Ball, die mehr oder minder symbolisch demonstrieren, daß diejenigen Autoren, die etwas digital beisteuern, die Arbeit der Hochschule in bedeutsamer Weise unterstützen. Arbeitsrechtlich könnte man das Heer der wissenschaftlichen Mitarbeiter einer Hochschule dazu verpflichten, die im Dienst entstandenen Publikationen der Hochschule digital anzubieten. Dies gilt nicht für die Hochschullehrer, die urheberrechtlich nach wie vor mandaringleiche Rechte genießen und deren Arbeitsergebnisse die Hochschule nach derzeitigem Recht nicht in dieser Weise abschöpfen darf. Aber das ist natürlich ein heikler Punkt, denn die Mitarbeiter oder Assistenten sind natürlich den Professoren zugeordnet, ohne deren Zustimmung die Universität bei einem solchen Vorgehen mit vorhersehbarem Ärger rechnen müßte. Einfacher zu bewerkstelligen wäre ein Art digitales universitätsinternes Pflichtexemplar, das durch Hochschulsatzung verfügt wird und den Hochschulschriftenserver ermächtigt, all das zu übernehmen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, was sich auf von der Universität zur Verfügung gestelltem Webspace befindet. 4. Die Furcht vor Plagiaten "Wenn ich meine Sachen ins Internet stelle, so kann sie dort doch jeder klauen!" Es handelt sich um eine irrationale Angst vor einem allgemeinen Kontrollverlust, die aber nicht mit harten Fakten untermauert werden kann. Zwar erleichtert das Internet das Plagiieren anscheinend erheblich, wie die immer wieder aufgekochten Sensationsmeldungen über angeblich massenhaft aus dem Internet ihre Arbeiten verfertigenden Studenten suggerieren wollen, aber es gibt keinerlei empirischen Beweis, daß ernsthafte wissenschaftliche Arbeit durch Plagiate via Internet geschädigt worden wäre. 5. Die Unkenntnis rechtlicher Regelungen und restriktive Verlagsverträge "Ja darf ich das denn überhaupt oder muß ich da den Verlag fragen?" Hier liegt in der Tat eine gewaltige Hürde, wobei die Unkenntnis durch einen Hinweis auf die klaren gesetzlichen Regelungen noch am ehesten zu beseitigen ist. Wenn nichts speziell vereinbart ist, gilt auch im digitalen Bereich die Vorschrift des deutschen Urheberrechtsgesetzes, daß der Autor eines Zeitschriftenaufsatzes oder eines nicht vergüteten Beitrags in einem Sammelband, etwa einer Festschrift, zwar dem Verlag ein ausschließliches Nutzungsrecht einräumt, ein Jahr, also 365 Tage, nach dem Erscheinungstag des Druckwerks aber anderweitig darüber verfügen kann. Bei Tageszeitungen gilt dies unmittelbar nach Erscheinen. Für Altverträge vor ca. 1995 gilt zusätzlich, daß in diesen damals noch nicht bekannte Nutzungsrechte, also auch nicht die Online-Nutzung, geregelt werden konnten. Ich habe daher für meine 1987 erschienene Dissertation die Erlaubnis bekommen, sie auf dem Tübinger Hochschulschriftenserver digital neu zu veröffentlichen - zwar schrieb mir der Verlag, er teile meine Rechtsauffassung nicht, aber eine rechtliche Auseinandersetzung erscheine ihm nicht lohnend. Mehr dazu: http://www.uni-tuebingen.de/fb-neuphil/epub/graf/urheberrecht_autoren_graf.html Aber schon allein das Wissen um die Existenz juristischer Probleme ist eine nicht zu unterschätzende Barriere. Das Ganze riecht nach Ärger, nach Konflikt mit dem Verlag, den man womöglich anbetteln oder mit dem man sich heraumstreiten muß. Ärger aber will jeder Forscher aus diesem Bereich des Publikationswesens tunlichst verbannt wissen. Also empfiehlt es sich für die Administratoren von Eprint-Archiven, die Rechteabklärung in eigene Hände zu nehmen, sobald der Autor seine Zustimmung gegeben hat. Wie ist die Haltung der Verlage zur Open-Access-Bewegung? Es gibt viele Verlage, die überhaupt nichts gegen eine Online-Publikation einzuwenden haben, es gibt aber auch Verlage, die strikt dagegen sind. Internationale Übersicht von ROMEO: Allerdings wendet sich derzeit nur eine ganz kleine Zahl von Autoren mit entsprechenden Bitten in Deutschland an die Verlage. Es ist zu befürchten, daß die derzeit noch dominierende liberale Haltung mehr und mehr abgelöst wird von strikten Verboten, zumal die Open-Acess-Bewegung ja nun de facto den Wissenschaftsverlagen Teile ihrer Geschäftsgrundlage entziehen will. Aber die wissenschaftliche Community ist dem strikten Regime des geltenden Urheberrechts durchaus nicht sklavisch ausgeliefert. Sie kann neue Modelle und Regeln - etwa im Sinne der eingangs genannten "digitalen Allmende" - auf vertraglicher Basis für ihren Bereich in Kraft setzen und ausprobieren. Vielleicht wird es dann auch möglich sein, den Bundestag davon zu überzeugen, daß er einmal auf andere Gruppen hören sollte als auf die beflissen soufflierende Schaar der Verwerterlobbyisten. Abschließend nur wenige resümierende Worte. Es ist, denke ich, hinreichend klar geworden, daß mein Standpunkt im höchsten Maße parteiisch ist. Mein Engagement gilt ohne Wenn und Aber dem Open Access, der kostenfreien Zugänglichkeit wissenschaftlicher Publikationen und Materialien via Internet. Wer dieses Anliegen gleichfalls fördern möchte, kann eine Menge von den Naturwissenschaftlern und den Kollegen jenseits des großen Teichs lernen - ich plädiere dringend dafür, sich mehr als bislang mit den englischsprachigen Initiativen zu vernetzen. Ihre kreativen Ideen und Visionen können auch uns helfen. Die Bereitstellung der Zeitschriftenliteratur ist sicher ein wichtiger Punkt, aber ich habe mich bemüht, noch andere, wie ich meine nicht weniger bedeutende Aspekte zu thematisieren. Wie auch immer: Fast alles ist in diesem Bereich in sich beschleunigender Bewegung. Für Beobachter wie für Aktivisten (wie mich) gilt gleichermaßen: Es bleibt spannend. Klaus Graf, Juli 2003 |
| < zurück | weiter > |
|---|





